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Montag, 14. Dezember 2015

Geistertürchen 2015 - 14. Türchen


Diesmal gibt es die untote Kurz-Kurzgeschichte „Rettungsmissionen“ von David Michel Rohlmann. Weitere, etwas längere Kurzgeschichten von ihm, Maria Engels und Piper Marou sind bereits in den Anthologien „Keine Zoombies“, „97,5 Zombies“ und „Die letzten Zombies“ erschienen.
Zeitgleich mit der Erstveröffentlichung dieser Kurz-Kurzgeschichte im Adventskalender erscheint der Sammelband „Alle Zombies“, der die drei Anthologien vereint – sowohl als eBook als auch als Taschenbuch.

Rettungsmissionen 
von David Michel Rohlmann

Sie hatte es verkackt.
Das Schlurfen und Stöhnen der Zombies in den Stockwerken unter ihr machten ihr das allzu bewusst. In diesem Moment mussten sie wie eine Flut aus untotem Fleisch das Treppenhaus hinaufsteigen. Keine Chance, dass sie ein anderes Ziel als das Dach hatten. Dafür war Marlene zu laut gewesen.
Die Feuerleiter, schoss es ihr durch den Kopf und sie hastete im Dunkel der Nacht zur Dachbegrenzung. Die Leiter war noch vorhanden, ein Abstieg war dennoch unmöglich. Das verrostete Eisen hatte die Zeit der Postapokalypse ebenso schlecht überstanden wie der Rest der menschlichen Zivilisation: Es war marode geworden und hing nun schief und baufällig zwischen den Gebäuden.
Würde sie versuchen, auf der Leiter zu landen, wäre das ein Sprung in den Tod, das war Marlene bewusst. Und doch … Wenn sie sich zwischen dem Sprung und dem Biss eines Untoten entscheiden musste, welche Wahl blieb ihr da? Marlene schluckte schwer und kletterte auf den Sims.
Das Stöhnen nahm zu, als die Fresser die Tür zum Dach aufstießen und mit verzerrten Fratzen und leeren Blicken hinaushumpelten. Sie wurden nicht schneller und ihr Stöhnen klang so monoton und unmenschlich wie zuvor. Nur an der Zielstrebigkeit, mit der sie auf Marlene zuhielten, war zu erkennen, dass ihre Suche nach Frischfleisch endlich von Erfolg gekrönt war. Doch unter den Lauten der Untoten ließ sich ein weiteres Geräusch ausmachen.
Als Marlene den Kopf wandte, erkannte sie den Grund dafür: Am Nachthimmel über der Stadt senkte sich ein Schatten herab. Zunächst dachte sie, dass der Hubschrauber abstürzen würde, doch dann erkannte sie, dass es ein gezielter Sinkflug war.
Rettungsmissionen. Sie hatte davon gehört, doch bislang hatte sie es für ein Ammenmärchen gehalten, die sich die Überlebenden erzählten, um nicht komplett den Verstand zu verlieren. Bislang. Doch die Richtung des Hubschraubers war eindeutig: Er flog genau auf sie zu.
Hier!“, rief sie und schwenkte die Arme über dem Kopf. Darüber Krach zu veranstalten, musste sie sich schließlich keine Sorgen mehr machen.
Als die Untoten in Marlenes Rücken nur noch wenige Meter entfernt waren und auch der Hubschrauber immer deutlicher zu sehen war, ließ sie die Arme erschrocken sinken.
Der Pilot würde doch wohl nicht auf sie schießen …? Das Leben neben den Fressern hatte ihr Misstrauen befeuert. Gäbe es einen Grund, sie aus dem Weg räumen zu wollen?
Die Untoten waren eine tumbe Masse. Sie folgten Krach, Gerüchen und zum Schluss auch visuellen Reizen. Die Überlebenden hingegen hatten noch etwas Verstand. Sie versuchten teils Europa zu verlassen – und konnten so ungewollt die Seuche weiter ausbreiten. Womöglich gab es noch einige Länder, die davon nicht betroffen waren. Die Überlebenden auszuschalten, wäre eine Methode sicherzustellen, dass es so blieb.
Marlene duckte sich ängstlich, doch auf dem Vorsprung kam sie sich noch immer vor wie auf dem Präsentierteller. Ein Versteck konnte sie sich jetzt nicht mehr suchen. In derselben Sekunde eröffneten die riesigen Gatling-Guns an der Seite des Hubschraubers das Feuer. Die glühenden Patronen schossen unter ohrenbetäubendem Knallen auf Marlene zu – und über sie hinweg. Die Fresser wurden in einer Wolke aus aufplatzendem Belag und rotem Ziegelstaub niedergemäht. Kurz darauf gaben die Balken nach und die Zombies stürzten mit dem gesamten Dach in die Tiefe.
Der Lärm, der Schreck und das plötzliche Verschwinden des Untergrunds hinter ihr ließ Marlene gefährlich wanken. Der Sturz vom Sims bedeutete den Tod, egal, in welche Richtung sie fiel. Hinzu kam, dass der stärker werdende Wind durch die Rotorblätter ihr nicht dabei half, zu bleiben, wo sie war. Gerade verlor sie den Kampf um ihr Gleichgewicht und folgte den Untoten in die Tiefen, als sich plötzlich ein Arm von hinten um ihren Körper schlang. Mit einem kräftigen Ruck wurde sie ins Innere des Hubschraubers gerissen und blieb dort benommen liegen.
Alles in Ordnung? Wurdest du erwischt?“, fragte eine tiefe Stimme eindringlich. Marlene richtete sich vorsichtig auf und sah an sich hinab. Die Kleidung, die sie trug, war alt und löchrig, von getrocknetem Blut braun und verkrustet, doch neues war nicht hinzugekommen. Sie war unversehrt.
Kein Biss“, gab sie erleichtert Entwarnung und sah auf. Vor ihr erhob sich ein muskulöser Soldat und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Er hatte einen schwarzen Dreitagebart und volles, schwarzes Haar, das jedoch kurz geschnitten war. Außerdem war er unter seiner Uniform erstaunlich muskulös – seine Statur war ungefähr doppelt so breit wie die aller anderen Männer, die Marlene in den letzten Jahren gesehen hatte.
Aber das ist doch klar, rief sie sich selbst zur Ordnung. Immerhin hatten die Überlebenden von Resten und Abfall leben müssen.
Doch eine Verletzung am Bein?“, fragte der Mann brummend, aber nicht unfreundlich. „Oder wieso fällt dir das Aufstehen schwer?“ Er forderte sie mit einem Wink auf, endlich seine Hand zu ergreifen. Marlene wurde rot und griff mit einem schüchternen Lächeln danach.
Alles bestens“, sagte sie ehrlich. „Ich hatte nur nicht damit gerechnet, jemals dieser Hölle zu entkommen.“
An diesen Gedanken solltest du dich langsam gewöhnen“, sagte ihr Retter und erwiderte dabei Marlenes Lächeln. „Hier entlang, bitte.“
Noch immer hin und her geworfen von Erleichterung, Unglauben und dem Charme ihres Gegenüber, folgte Marlene der Aufforderung und versuchte dabei, in den undurchdringlichen Gesichtszügen ihres Retters zu lesen. Als sie jedoch die Berechnung hinter der Maske durchschaute, war es bereits zu spät: Die Zellentür schnappte hinter ihr zu.
He! Was soll das?“, rief sie und griff an die Eisenstäbe, um daran zu rütteln.
Nun, du bist wertvolle Fracht“, erklärte ihr vermeintlicher Retter mit dem gleichen Lächeln wie zuvor, doch jetzt hatte es eine düstere Note bekommen.
Fracht?“, fragte Marlene ängstlich. „Was habt ihr mit mir vor?“
Du hast vier Jahre unter Fressern überlebt“, flüsterte der Mann mit leuchtenden Augen. „Du wirst an das meistbietende Forschungslabor verkauft, damit sie ein Serum gegen die Seuche aus deinem Blut entwickeln können. Oder aus deinen Organen, deinem Hirn, Rückenmark und wer weiß was sonst. Aber darüber brauchst du dir dann keine Gedanken mehr zu machen.“
Marlene schüttelte entsetzt den Kopf. „Ein … Serum? Aber ich bin nicht immun!“ Sie wies mit einer Geste zum Boden des Hubschraubers und zum zerstörten Land darunter. „Die letzten Jahre hatte ich einfach Glück – das ist alles.“
Der Mann wich in die Schatten zurück. Sein Lächeln blitzte in der Dunkelheit ein letztes Mal wie das Silber einer Klinge auf. „Dann hat dein Glück wohl sein Ende gefunden.“

Weihnachtsgewinnspiel!
Schaut bis zum 22.12.2015 bei uns vorbei, genießt die Türchen und lasst uns einen Kommentar da. Nicht nur wir Geister, auch unsere Gäste freuen sich über ein paar Worte von euch. Jeder Kommentar wandert in den Lostopf. Also, wenn ihr jeden Tag vorbeikommt und kommentiert, könnt ihr insgesamt 22 Lose sammeln und eure Chancen steigern. Am 23.12. werden wir einen Gewinner ziehen und das Ergebnis am 24.12. im letzten Türchen bekannt geben.

Kommentare:

  1. Ih, wie gemein! Ich habe noch nie eine Zombie-Geschichte gelesen - ich glaub, das ist auch nichts für mich. Auch die wenigen Filme, die ich zu dem Thema gesehen habe, waren jetzt nicht schlecht, aber mir wohl doch einen Tick zu gruselig - obwohl ich psycho-grusel hingegen mag.

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  2. Hallo,
    ich liebe Zombies und finde die verschiedenen Ausarbeitungsformen echt spannend.

    Alles Liebe
    Sophie

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  3. Hallöchen,

    gruseln kann ich mich vor Zombies zwar nicht, finde diese aber immer amüsant, sowohl beim Lesen als auch beim Fernsehen! ;-) Vielen Dank für die Geschichte! :-)

    Ganz liebe Grüße
    Marion

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  4. Zombies sind leider nicht meine Richtung D: aber sonst eig eine gute Geschichte

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  5. Schöne Geschichte. Vielen Dank. :)

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  6. Huhu,
    ich finde euren Adventskalender so genial, weil er einfach "anders" ist. Wer hat schon eine Zombie-Geschichte im Türchen? Zu geil!!

    Viele liebe Grüße
    Denise

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  7. Ach ich liebe Zombies jeglicher Art. Die kurze Geschichte ist wirklich gut.
    Liebe Grüße Jeannine M.

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  8. Ich habe erst letztens "Die letzten Zombies" gelesen und bin seitdem im absoluten Zombie-Modus^^ da kam das gerade richtig *hihi*

    Liebe Grüße
    Eva

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  9. Ich liebe zombies!!! Habe zwei der anthologien gelesen und steh einfach drauf!

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  10. grusel Geschichten mit spaß drin-sind mal was ganz anderes und so leichte schmunzler beim lesen sind immer was tolles :-)
    LG Jenny
    jspatchouly@gmail.com

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  11. Zombies fand ich anfangs gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile hab ich mich an sie gewöhnt. Vielleicht will ich ja irgendwann auch einen haben :)
    schmunzelnde Grüße
    Jill

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