Seiten

Montag, 21. Dezember 2015

Geistertürch 2015 - 21. Türchen


Nächstes Jahr erscheint Katharina Fiona Bodes erster Roman "Erasmus Emmerich und die Maskerade der Madame Mallarmé" im Art Skript Phantastik Verlag. Freunde des Verlags kennen schon zwei Kurzgeschichten vom Ehrenmann Emmerich. Mich konnten beide begeistern und die Autorin hat ein Talent, das man definitiv im Auge behalten sollte. Für mich ist "Erasmus Emmerich und die Maskerade der Madame Mallarmé" DIE Büchveröffentlichung im Jahre 2016. Ich kann es jetzt kaum erwarten. Um so mehr freue ich mich über einen Besuch von Emmerich und Marie hinter unserem Türchen. Wenn mehr von der Autorin erfahren will, sollte sie auf Facebook besuchen!




„Los, jetzt hören Sie auf da herumzuhämmern und holen Sie endlich den Sack raus!“
„Also, Marie, ich muss doch sehr bitten.“
„Die Einzige, die hier bittet, bin jawohl ich. Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an. Her mit den Nüssen!“
„Marie, eine Dame übt sich in Geduld. Und bitten würde ich das eher nicht nennen.“
„Eine DA-ME?“ Der finstere Blick traf Emmerich mit solcher Wucht, dass er sich für einen Moment an der Tanne hinter sich festhalten musste, die ihm dankenswerterweise einen ihrer Zweige reichte.
„Und wenn ich also nicht bitte, was tue ich denn dann?“
„Befehlen?“, murmelte Emmerich, bevor sich seiner Kehle ein Seufzer entrang, und er sich in Verantwortungsbewusstsein seinem Leben gegenüber geschlagen gab. „Na fein, aber essen Sie nicht gleich alle auf einmal. Sonst ist am 24. nichts mehr übrig und Sie fallen in Ihre Nusslethargie. Wir können nur hoffen, dass Sie heute nicht mehr schweben müssen.“
Er ließ den Zweig unvermittelt los, so dass er zurück schwang und den gesamten Baum ins Wanken brachte.
Sofort meldete sich eine piepsige Stimme von der Spitze. „Könntet ihr das bitte lassen? Mir wird doch so leicht schlecht. Und dürfte ich diese albernen Teile jetzt vielleicht wieder ablegen?“ Der zinnoberrote Zinnsoldat saß im Wipfel des Tannenbaums und zupfte mit den Fingern an einem flauschigen Paar aufgeschnallter Engelsflügel.
„Mein, bas barffst bu biff“, kaute Marie, dann schluckte sie. „Sie machen sich ganz hervorragend zu der Feder an deinem Teeei.“ Ihre Hand wanderte erneut in den Nussbeutel und kam prallgefüllt heraus.
„HELM! Nicht Teeei!“, empörte sich der Zinnmann und sah sich selbst über die Schultern. „Ich komme mir aber albern damit vor.“
„Sie wollten unbedingt helfen, ich habe Sie gleich vor Maries Weihnachtswahnsinn gewarnt, Zinoberius. Seien sie froh, dass sich Ihre Aufgabe aufs dekorative Herumsitzen beschränkt.“ Der Detektiv duckte sich flugs unter dem nächsten Blickgeschoss Maries hinweg und rückte die Nikolauszipfelmütze zurecht, die sie ihm verpasst hatte, nur um darauf rußige Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Als Maries Blick an ihnen hängen blieb, drang eine Dampfschwade durch die Nadeln des Baumes empor und hüllte den Zinndichter ein, der sofort zu krächzen anfing. „Jetzt qualmt es schon, obwohl die Kerzen noch gar nicht entzündet sind. Reißt euch doch mal zusammen! Die Bude fackelt sonst noch vor Heiligabend ab.“
Nunmehr wandten sich ihm gleich vier zusammengekniffene Augen zu, so dass Zinoberius sich dazu gezwungen sah sein breitestes Zinngrinsen aufzusetzen und die Engelsflügelchen auszubreiten. Trotzdem schaffte er es die Augen zu verdrehen.
„Ooooh.“ Marie überging Letzteres und begann zu strahlen. „Zuckersüß. Ein kleiner roter Engel.“
„Was ist nur mit ihr los?“, flüsterte Zinoberius Emmerich zu und kam ein paar Äste hinabgeklettert.
„Weihnachten wird unsere Marie jedes Jahr zu Jacky und Heide. Ich weiß bloß noch immer nicht, welche ich gruseliger finde.“
„Daher stammt also der Begriff Heidenangst“, nagte sich Zinoberius die Fingernägel ab.
Emmerich nickte. „An Weihnachten ist sie zu allem fähig, man denke da nur an die Kuh gestern!“
Sein Blick verklärte sich bei der Erinnerung daran.
*

Nichts Muhendes ahnend war der Ehrenmann nach Marie-Schrägstrich-Heide-Fluchtspaziergang heimgekehrt.
In der Luft hatte der Duft von Zimt und warmen Äpfeln gehangen und … Emmerich veranlasst die Nase zu rümpfen. So ein Mist! Ja, ganz eindeutig. Äpfel und Mist. Unwillkürlich erschien vor seinem Auge das Bild eines Pferdes, das den Schweif hob. Hoffentlich war Marie nicht auf die Idee von Bio-Weihnachtskugeln gekommen. Emmerich öffnete die Tür und atmete auf. Kein Pferd unter dem Weihnachtsbaum, nein, bei Preußens Pickelhaube, da stand bloß eine Kuh. Puh! Sein Gehirn wollte soeben in glückseligen Singsang verfallen, als es innehielt und die Szene lieber zurückspülte. Eine Kuh? In der Tat hatte Emmerich eine wahrhaft muhende Kuh unter dem Tannenbaum vorgefunden und sich erst einmal geräuspert. Vorsorglich. So ein Mist!, dachte sein Hirn. Ganz zu schweigen, von den Fladen!
Dank ihrem Müll konsumierenden, kleinen Hauspickator hatte sich das Fladenproblem schnell erledigt, aber Marie Schrägstrich Heide dazu zu überreden die Kuh einem Nutztierasyl zu übergeben, war eine ganz andere Hausnummer gewesen.
„Aber ich habe mir schon immer eine Kuh zu Weihnachten gewünscht!“, hatte sie wieder und wieder – nun ja, eben wiederholt und dabei mit dem Fuß aufgestampft, dass die Dielen ächzten wie alte Männer mit grauen oder weißen Bärten, die sich mit schweren Säcken auf den krummen Rücken abasteten, während anhängliche Schneeklumpen ihre Stiefel beschwerten.
Das Ende des Lieds – und damit war auch Emmerichs inneres Lied der Harmonie gemeint – hatte Marie mit Schmollmund am Kamin gehockt und mit jenem um die Wette gequalmt. Kein Wunder, dass ein gewisser englischer Ermittler, dessen Name sich auf Quartschiwald Beach reimt, Marie „Mistfay“ oder „Fogfairy“ nannte, derartig nebulös waren die Dampfschaden um den Baum gezogen … bis Zinoberius auf die Idee gekommen war, der Qualmfee ein Stück heißen Apfelstrudel mit geraspelten Nüssen zu servieren, und Marie sich wenigstens für den Moment in die dekorier(-aber-nicht-weniger-)wütige Jacky verwandelt hatte.
*

Emmerich schmunzelte, griff nach einer Zange, bog den vor Zinn-Ionen Zeiten wiedergefundenen Kupferdraht zurecht und machte sich sogleich wieder emsig ans
Hämmern, Klopfen und Werkeln, was er noch durch ureigenes Brummeln zu unterstreichen wusste.
„Dieser Lärm ist ja kaum auszuhalten“, machte sich Maries Heideseite wieder Luft, zog sich die mäusepelzgefütterten Stiefel – ein verfrühtes Geschenk von Frau Oppenheimer – über und stapfte hinaus, um ein paar Rauchengel im Schnee zu machen.
„Puh“, atmete Zinoberius auf, nachdem die Tür mit lautem Krachen hinter ihr zugeschlagen war. „Wir hätten die Kuh nicht weggeben dürfen. Auch wenn ich immer dachte, kleine Mädchen würden sich eher sowas wünschen wie einen Topf … oder ein Pony.“
„Nun, kleine Qualmfeen offenbar nicht.“
„Damals war sie ja noch keine.“
„Och, ich denke innerlich war sie das schon immer irgendwie.“ Emmerich grinste und hämmerte weiter.
„Und wie lange soll das noch so gehen?“
„Das Hämmern?“
„Nein, Maries Launenhaftigkeit. Obwohl … das Hämmern eigentlich auch.“
„Nach meinem Plan, dürfte beides gleichzeitig zum Erliegen kommen.“
„Und wie das?“, fragte Zinoberius und schüttelte einige Nadeln aus seinen Flügeln.
Emmerich grinste erneut und zeigte dem Zinnmann das behauene Etwas, an dem er gerade tüftelte.
Zinoberius lächelte verzückt zurück. „Das ist genial!“
„Nun ja, ja! Was hätten Sie denn sonst von mir erwartet?“, fragte Emmerich.
„Also …“
„Verkneifen Sie es sich! Es ist Weihnachten. Beinahe jedenfalls.“
„Einverstanden, aber solange bis es fertigt ist, verkrieche ich mich wieder in den Tannenwipfel. Da bin ich wenigstens außerhalb von Maries Reichweite. Durch ihre Nascherei kann sie mir da auch nicht in Dampfgestalt hinauffolgen.“
„Haben Sie schon mal überlegt, ob nicht genau das von Anfang an ihr gewiefter Plan gewesen sein könnte?“
„Sie führt sich nur so auf, um mich auf die Tannenspitze zu treiben?“
„Möglich.“
„Ach, hämmer weiter!“ Zinoberius verschränkte die geflügelten Arme bis ihm einleuchtete, dass er so nicht klettern, Marie allerdings jeden Augenblick zurückkehren konnte. Beim letzten Mal war es ein Paar Engelsflügel gewesen. Wer weiß, was es beim nächsten Mal sein würde. Ein glitzerndes Krönchen? Mistelzweige, die man sich an die Ohren hängte? Das Risiko war zu groß, raunten ihm seine schlotternden Knie zu, und erschwerten den Aufstieg.
Kaum hatte er die Tannenkrone erreicht, schlug auch schon die Tür auf und Marie stand im Rahmen. „Es ist sooo schön winterlich draußen.“
Jacky-Marie drehte eine Pirouette in ihren tropfnassen Röcken und ließ sich vor dem Kamin nieder, griff nach einigen zimtduftenden Plätzchen und verbreitete in ihrem Trockenvorgang eine gehörige Pfütze auf den Dielen. Bevor diese jedoch durch die Fugen in den Keller abtropfen konnte, war der Pickator zur Stelle und schlürfte sie auf. Marie kraulte ihn zwischen den Metallohren, dann flitzte auch er lieber wieder flugs außer Reichweite.
*

An Heiligabend verstummte das Hämmern.
„Endlich!“, sagte Zinbi und machte eine lange Nase von seinem Baumposten hinab, als Emmerich Marie einen kleinen in bräunliches Papier eingewickelten Gegenstand überreichte.
„Das ist für Sie, Qualmfee.“
„Darf ich?“
„Mach’s schon auf. Ich will hier wieder runter!“, schrie der Zinnengel aus dem Tannengrün.
„In Ordnung“. Marie richtete den Blick auf das Päckchen in ihren Händen und ließ die Finger über das raue Papier gleiten, bevor sie es mit einem Ratschen aufriss. Sie schnappte nach Luft und für einen Moment schien es als würden ihre Augen feucht. Dann übernahm die Qualmfee wieder die Kontrolle über sich selbst. „Danke.“
Und dann musste Zinoberius durch die eigenen Augen mit ansehen, wie Marie einen Mistelzweig hervorzauberte, ihn über sich und den erstarrten Emmerich hielt und jenen leidenschaftlich … umarmte. Emmerichs Ohrenspitzen pinselten sich prompt schweinchenfarben an. Marie löste ihre Arme vom Ehrenmann und betrachtete die kleine glänzende Kuh in ihren Händen.
„Nun, ziehen Sie sie auf“, murmelte Emmerich.
„Hm, und wie?“, fragte Marie und drehte die Kuh auf den Rücken.
„Sie müssen natürlich an ihrem Schwanz kurbeln!“
„Ach so, ja klar“, Marie lächelte in sich hinein und tat wie ihr geheißen.
Es knallte und eine Explosion hallte durch die Stube.
Doch als Marie auf ihre Hände und ihre Kuh blickte, waren die ersten noch immer dran und genauso heile und ganz wie letztere.
„Hm?“ Sie blickte Emmerich mit hochgezogenen Brauen an.
„Knallgas!“, strahlte der und seine Brust schob sich stolzgeschwellt hervor. „Ich dachte, das würde den Mistfaktor verringern.“
Marie und Zinoberius lachten, dass der Zinnmann beinahe aus dem Weihnachtsbaum fiel.
„Jetzt haben Sie es sogar geschafft ganz absichtlich Explosionen zu erzeugen“, sagte Marie und lächelte noch immer.
Zinoberius kletterte aus der Tanne hinab und alle drei setzten sich gemeinsam an den gedeckten Tisch. Das weiße Service mit den leichten Rußflecken klackerte unter dem Ansturm ihrer Gabeln auf die dampfenden Knödel, genauso wie der Pickator unter dem Tisch in freudiger Erwartung auf die Reste.

Gedämpftes Licht drang durch die vorgezogenen Gardinen auf den schneebedeckten Bürgersteig, das glockenhelle Lachen der kleinen Gesellschaft schallte durch die Nacht, und ein strahlender Glanz leuchtete am Himmel auf.
Das Leuchten bewegte sich und zog einen qualmenden Schweif hinter sich her. So raste es auf ein glitzerndes Dach zu und schepperte durch den Schornstein die Wände des Kamins entlang mitten hinein in Emmerichs Stube.
Zwei der Versammelten hörten auf zu essen, während der Dritte bereits aufsprang und zu dem Eindringling hinübereilte.
„Was ist es?“, fragte Marie und stiefelte Emmerich hinterher.
Mit der Kaminzange stocherte der zwischen den knisternden Holzscheiten und zog zuletzt einen verbrannten Schädel aus der Asche.
„Sieht ganz so aus, als habe uns der Weihnachtsmann höchstpersönlich einen Fall beschert“, folgerte er. „Vielleicht hätten Sie doch nicht so viel essen sollen.“
Daraufhin hallte ein „Aua!“ durch die ansonsten stille Nacht.



Was im Anschluss an dieses besinnliche Weihnachtsfest geschieht, erfährt man womöglich in „Erasmus Emmerich und der Weihnachtsschädel – Aus Sicht des Schädels“ im nächsten Jahr. In diesem Sinne: We wish you a marie Erasmus!

P.S.: Wie Erasmus, Zinbi und Marie zu dem Pickator kamen und was es genau mit ihm auf sich hat, erfährt man im kommenden Erasmus Emmerich-Roman 2016. Das heißt, ihr Leser seid, wie stets, eurer Zeit voraus!
Weihnachtsgewinnspiel!
Schaut bis zum 22.12.2015 bei uns vorbei, genießt die Türchen und lasst uns einen Kommentar da. Nicht nur wir Geister, auch unsere Gäste freuen sich über ein paar Worte von euch. Jeder Kommentar wandert in den Lostopf. Also, wenn ihr jeden Tag vorbeikommt und kommentiert, könnt ihr insgesamt 22 Lose sammeln und eure Chancen steigern. Am 23.12. werden wir einen Gewinner ziehen und das Ergebnis am 24.12. im letzten Türchen bekannt geben.

Kommentare:

  1. Tolle Geschichte!

    AntwortenLöschen
  2. Danke für die schöne Geschichte. Habe ich mit Freuden gelesen
    schönen Montag
    Anja vom kleinen Bücherzimmer

    AntwortenLöschen
  3. Danke für die tolle story :3 es liest sich richtig gut :D

    AntwortenLöschen
  4. Hallöchen,

    gefällt mir wirklich sehr gut, muss man sich direkt mal vormerken! ;-)

    Ganz liebe Grüße
    Marion

    AntwortenLöschen
  5. Abgedreht ... wie gewöhnlich. Ganz großes Kino, ich zitiere nur "...Zinn-Ionen Zeiten wiedergefundenen Kupferdraht ...".
    Wahrscheinlich wird „Erasmus Emmerich und der Weihnachtsschädel – Aus Sicht des Schädels“ tatsächlich in dieser Perspektive umgesetzt und noch bizarrer, als der ganze Rest. Was wird aus der Romanze mit mit Emmerich? Gibt es eine Auflösung im Roman 2016? Oder wird alles noch verrückter? Ich fürchte die Antwort.
    Dieser "Quartschiwald Beach" kommt mir irgendwie bekannt vor ...

    AntwortenLöschen
  6. Beiträge wie dieser machen mich zu einer extrem stolzen Verlegerin!
    Kann es kaum erwarten, den kommenden Roman in die Welt hinaus zu senden.

    Und an meinen Vorredner: Ja, dieser Quartschiwald Beach ... von dem hab ich auch schon Gerüchte vernommen. ^^

    AntwortenLöschen
  7. Eine wirklich gelungene Geschichte. Vielen Dank dafür =)
    Liebe Grüße Jeannine M.

    AntwortenLöschen
  8. Wirklich tolle Geschichte :)
    Ich stöbere hier so wahnsinnig gerne.

    Viele liebe Grüße & eine schöne Weihnachtszeit
    Denise

    AntwortenLöschen
  9. und zack...gleich mal bei Fb stöbern gehen muss :-)
    LG Jenny
    jspatchouly@gmail.com

    AntwortenLöschen
  10. Netter kurzweiliger Ausschnitt aus einer größeren Geschichte. Klingt vielversprechend, mir gefällt der Schreibstil.

    AntwortenLöschen