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Montag, 22. Dezember 2014

22. Geistertürchen - Thomas Williams & "Als die Hölle nach Scrooge City kam"


Bei "Book meets Metal" durfte ich zusammen mit ihm Lesen und es war mir eine Ehre und verdammtes Vergnügen. Deswegen ist es auch eine besondere Freude, dass Thomas Williams Gast in der Villa ist. Extra fürs Geistertürchen hat er eine schaurige (Weihnachts-)Geschichte geschrieben. Viel Spaß beim Lesen, aber Achtung: Nichts für schwache Nerven!

Thomas Williams

Als die Hölle nach Scrooge City kam

Geh vom Fenster weg!“ zischte Jasmin und griff nach Lars. Doch der wehrte ihre Hand ab, um weiterhin durch die zugezogenen Vorhänge spähen zu können. Er war ein breitschultriger, kräftiger Kerl, aber Jasmin hätte in diesem Moment nichts lieber getan, als ihn tiefer in das Zimmer zu zerren. Sie hatten kein Licht angeschaltet, hoffend die Nacht zu überstehen.
Draußen schrie eine Frau um Hilfe und Jasmin dachte, dass sie schließlich selber schuld war, sich auf der Straße aufzuhalten. Jeder in dieser Stadt wusste, dass an Heiligabend eine Ausgangssperre herrschte und wer diese nicht beachtete, durfte auch keine Hilfe erwarten.
Trotzdem schrie die Frau aus vollem Hals. Sie musste wissen, dass niemand so verrückt war sich jetzt noch dort hinaus zu trauen. Erst bei Sonnenaufgang würden sich Türen und Fenster wieder öffnen und die Bewohner des kleinen Städtchens gingen wieder ihrem Alltag nach. Als wäre nichts geschehen. Nur wenige verloren ein Wort über den vergangenen Abend. Die meisten sahen einander nicht einmal in die Augen.
Ganz besonders dann nicht, wenn sie glaubten, stumme Schuldzuweisungen in den Augen des anderen zu entdecken.
Dabei war keiner von ihnen unschuldig daran, dass diese Frau dort draußen sterben würde. Sie hätten ihr helfen können. Sie brauchten nichts weiter tun, als die Haustür zu öffnen, ihr zuzurufen und sie hineinzulassen. Das konnte höchstens vier Minuten dauern, je nachdem wie weit sie entfernt war.
Sogar Jasmin dachte kurz daran, als sie sich vorstellte, anstelle der Frau zu sein.
Nachdem Lars Jasmins Hand abgewehrt hatte, sagte sie flüsternd: „Du bringst uns beide in Gefahr.“
Lars erwiderte: „Wir können doch nicht einfach nur da sitzen und darauf warten, dass sie denen dort draußen in die Hände fällt.“
Doch das können wir. Das tun wir jedes Jahr und alle anderen werden genauso wenig unternehmen. Sie muss doch wissen, dass sie hätte drinnen bleiben sollen. Jeden Heiligabend verbarrikadieren wir uns in unseren Häusern, verhalten uns still und hoffen darauf, dass das alles schnell vorüber ist. Und nur so überleben wir diesen Tag.“ Sie wollte aufhören, aber sie konnte nicht. „Erinnerst du dich an die Karlinskis? Sie lebten am anderen Ende der Straße und haben während dem Heiligabend versucht zu fliehen. Sind mit Sack und Pack zum Auto gerannt, obwohl sie wussten, was passieren würde.“
Natürlich erinnere ich mich an sie“, antwortete Lars. „Sie haben sie an unserem Haus vorbei gezerrt, damit jeder ihre Schreie hören konnte. Und das gleiche wird heute wieder passieren, wenn wir nichts unternehmen. Ich hab sie gesehen. Die Frau dort draußen. Sie ist nur ein paar Häuser weiter und klingelt bei den Bergers an der Tür. Wenn sie sich weiter in unsere Richtung bewegt, lasse ich sie rein.“
Nein, das wirst du nicht!“
Versuch nicht, mich aufzuhalten. Ich warne dich!“
Sie waren seit zwanzig Jahren verheiratet, aber Jasmin hatte nie zuvor einen solch drohenden Ton in Lars‘ Stimme gehört. Sie fühlte sich allerdings nur kurz eingeschüchtert, denn was er vorhatte, konnte sie beide in Gefahr bringen.
Sie wollte ihm sagen, dass er nicht versuchen sollte, die Tür zu öffnen, dabei hatte sie mit ihrer zierlichen Statur keine Chance gegen ihn. Doch so weit kam es auch gar nicht. Ein spitzer Schrei ließ sie beide zusammenfahren, dann spähte Lars wieder durch die Vorhänge.
Haben sie sie erwischt?“, fragte Jasmin.
Nein, sie kommt hier her gelaufen. Scheinbar wurde sie entdeckt.“
Dann lass sie bloß nicht rein.“
Sie werden sie töten.“
Sie werden uns töten!“
Lars drehte sich wortlos um und Jasmin warf sich ihm entgegen, um ihn daran zu hindern, was er vorhatte. Doch er stieß sie mit Leichtigkeit zur Seite und eilte zur Haustür.
Tu das nicht!“, schrie Jasmin, die auf das Sofa gefallen war. Nie zuvor war Lars ihr gegenüber handgreiflich geworden und es jagte ihr in diesem Moment nicht einmal Angst ein. Sie fürchtete sich viel mehr vor dem, was da draußen war und dass Lars es hereinlassen würde, wenn er die Tür öffnete. Jasmin hatte es gerade geschafft auf die Beine zu kommen, als sie hörte, wie Lars rief: „Kommen Sie hier her! Schnell!“
Du verdammter Idiot!“, knurrte Jasmin, als sie durch das dunkle Wohnzimmer stürzte und auf den Flur zuhielt, in dem Lars stand. Er hatte das Haus nicht verlassen. Als wäre die Türschwelle eine magische Grenze, blieb er davor stehen, lehnte sich aber nach draußen und rief der Frau noch einmal zu, sich zu beeilen.
Er musste Jasmin kommen gehört haben, denn er wandte sich ihr zu, bevor sie bei ihm war. Fast glaubte sie, er wollte nach ihr schlagen, doch tatsächlich griff er nur nach ihren Schultern, um sie wieder tiefer in das Haus zu schieben.
Du bist ja vollkommen verrückt! Mach um Himmels Willen die Tür zu!“, schrie sie ihn an. Selbst mit all ihrer Kraft hatte sie ihm nichts entgegen zu setzen.
Also versuchte sie es anders und sah ihn flehend an. „Bitte!“
Zwanzig Jahre Ehe gingen nicht spurlos an einem Menschen vorbei. Lars und Jasmin liebten einander trotz der aktuellen Umstände. Sie hoffte, den Beschützerinstinkt in ihm zu erreichen, indem sie ihn anflehte, auf ihn zu hören. Und vielleicht gelang ihr das sogar, doch im gleichen Augenblick hörten sie beide die schnellen Schritte von draußen und dann war die Frau auch schon durch die Tür, um diese hinter sich zuzuwerfen. Völlig außer Atem sackte sie zu Boden, holte keuchend Luft.
Während Lars langsam in ihre Richtung ging, machte Jasmin vorsichtig einen Schritt zurück. Sie hatte das Gefühl, als wäre es plötzlich kälter geworden. Vermutlich lag es an der Winterluft, welche durch die offene Tür herein geweht worden war. Oder es war die Angst, die durch ihren Körper kroch.
Sind Sie okay? Warum waren Sie draußen?“, fragte Lars, neben der Frau kniend.
Sie hörte sich an, als bräche sie jeden Moment in Tränen aus. Ihre Stimme bebte, als sie sagte: „Sie haben uns angegriffen! Ohne jeden Grund! Ich hab versucht … Es waren so viele und sie kamen aus dem Nichts. Und sie haben die ganze Zeit gesungen.“
Nach ein paar Sekunden stellte Lars fest: „Sie sind nicht von hier.“
Nein, ich war auf der Landstraße in Richtung München unterwegs, als ich diesen Mann am Straßenrand hab liegen sehen. Ich dachte, er wäre verletzt. Mein Bruder stieg aus, um nach ihm zu sehen. Ich hab den Notruf gewählt.“
Jetzt begann sie tatsächlich zu weinen.
Mein Bruder hat sich neben ihn hingekniet, ihn herumgedreht …“ Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, den Blick ins Leere gerichtet. „Sein Gesicht war … weg. Es war nur noch ein schwarzes Loch in seinem Schädel. Ich weiß nicht, wie so etwas möglich ist und ich konnte auch nicht darüber nachdenken. Sie kamen aus dem Dunkeln. Völlig lautlos und haben angefangen zu singen. Ich dachte erst an einen Scherz, aber dann griffen sie meinen Bruder an. Ich … Ich wollte ihm helfen, als sie sich auf das Auto stürzten.“
Jasmin ging auf das Fenster zu, an dem Lars eben noch gestanden hatte, während die Frau redete.
Ich bin davon gefahren!“, schluchzte sie. „Ich hab meinen Bruder zurückgelassen, aber ich konnte auch nichts für ihn tun. Sie haben ihn … zerfleischt!“
Während Jasmin auf die Straße sah, stellte sie sich vor, wie der breitschultrige Lars seine starken Arme um die Frau legte und es machte sie rasend vor Wut. Sicher war dies der falsche Zeitpunkt, um eifersüchtig zu werden, doch Jasmin konnte nicht anders. Sie hatte schon immer darauf geachtet, ob andere Frauen ihren Mann ansahen und ließ ihn auch nicht alleine mit ihnen reden, wenn sie in der Nähe war. Als sie noch jünger waren und auf Partys gingen, blieb Jasmin stets an seiner Seite. Er war ein gut aussehender Kerl. Groß, stark, sah zehn Jahre jünger aus, als er war. Jasmin konnte sich auch nicht über ihr eigenes Äußeres beschweren, doch sie ignorierte jeden Mann außer Lars. Er mochte dieses Geturtel und versicherte Jasmin hinter her, dass er ihr niemals fremdgehen würde.
Wieso haben sie das getan?“, fragte die Frau.
Lars antwortete nicht sofort. Doch als er begann zu reden, konnte Jasmin die ersten Bewegungen auf der Straße sehen. Mehrere Gestalten gingen sie entlang. Dunkel gekleidet, mit blasser Haut.
Wir nennen sie Sternensinger. Sie kommen jedes Jahr zu Heiligabend und auch nur dann. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang greifen sie unsere Stadt an, töten alles und jeden, den sie finden können. Deswegen verstecken wir uns alle in unseren Häusern.“
Was?“, fragte die Frau. Es klang so, als bekäme sie nun auch Angst vor Lars. Und wer konnte es ihr verübeln?
Er redete jedoch einfach weiter: „Es geschah vor vierzig Jahren, als ein Bettler in die Stadt kam. Draußen herrschte eine Rekordkälte. Und dieser Bettler, woher auch immer er kam, hat einen warmen Platz für die Nacht gesucht. Aber niemand öffnete ihm die Tür, weil er krank aussah und die Menschen befürchteten sich bei ihm anzustecken. Angeblich haben sie gesehen, wie er sich immer wieder übergeben hat. Er war kreidebleich und niemand wollte ihm zu nahe kommen. Damals gab es hier viele Kinder. Die Eltern wollten diese beschützen. Also taten sie so, als wäre der Bettler gar nicht da.“
Sie ließen ihn sterben“, sagte Jasmin leise, doch weder Lars, noch die Frau konnten es hören.
Er starb und niemand weiß genau, ob es mit seinem Tod zusammenhängt, aber ein Jahr später tauchten die Sternensinger zum ersten Mal auf. Sie kamen und verschwanden so schnell, ohne eine Spur von sich zu hinterlassen. Wir wissen nicht, wo sie sich den Rest des Jahres aufhalten, aber solange wir hier sind, kommen sie jedes Jahr wieder. Der Bettler muss diesen Ort verflucht haben. Ist Ihnen aufgefallen, dass es hier nicht ein Stück Weihnachtsdekoration gibt? Deswegen haben wir uns selber den Namen Scrooge City gegeben.“
Was?“, fragte die Frau noch einmal.
Entschuldigung, sollte ein Witz sein.“
Lassen Sie mich los. Sie sind ja völlig irre.“
Kleidung raschelte, dann kam die Frau ins Wohnzimmer. „Gibt es hier ein Telefon? Wir müssen die Polizei rufen.“
Die wird nichts unternehmen. An Heilig Abend geht hier niemand ans Telefon. Und wir sollten jetzt alle still sein, denn die Sternensinger sind auf dem Weg hier her!“, sagte Jasmin.
Sie kommen?“, krächzte die Frau.
Wir haben Sie in unser Haus gelassen. Das hätten wir nicht tun dürfen. Wenn sie Ihrer Fährte folgen, sterben wir auch.“
Jasmins Worte waren an Lars gerichtet, der in der Tür stand.
Niemand sprach mehr ein Wort. Die Frau hatte sicher Mühe, das alles zu verarbeiten und während sie da standen, hörten sie von draußen Stimmen.
Mehrere Personen sangen: „Our finest gifts we bring, pa rum pum pum pum. To lay before the king, pa rum pum pum pum, rum pum pum pum, rum pum pum pum.”
Die Fremde warf Jasmin einen fragenden Blick zu und es lag ihr bereits auf der Zunge, ihr zu sagen, dass das ganz normal war. Doch dann behielt sie es für sich. Nichts hieran war normal. Und sie brauchte gar nicht erst zu versuchen, es einer außenstehenden Person zu erklären.
Anstatt zu antworten, legte Jasmin einen Finger auf die Lippen.
Sie sind hier“, flüsterte Lars und trat rückwärts von der Tür zurück. Ganz langsam ging er in die Hocke und das Knacken ließ Jasmins Herz fast stehen bleiben. Es wirkte viel zu laut, doch sie glaubte nicht, dass es durch die Tür zu hören war.
So to honor him, pa rum pum pum pum, when we come …”
Jasmin wollte sich verstecken, wagte es aber nicht, sich zu bewegen. Sie atmete so flach wie möglich, richtete ihre Augen auf das Fenster, durch das sie eben noch geschaut hatten, ohne den Kopf zu drehen. Sie befürchtete, dass sie die kleinste Bewegung verraten konnte.
Little baby, a rum pum pum pum. I am a poor boy too, pa rum pum pum pum. I have no gift to bring, pa rum pum pum pum …”
Sie konnte dieses Lied inzwischen mitsingen, auch, wenn sie es nur einmal im Jahr hörte. Stattdessen presste sie ihre Lippen fest aufeinander, schloss die Augen und betete in Gedanken.
Das Singen stoppte. Jasmin hörte die Fremde aufatmen, doch sie selber riss die Augen auf, sah zuerst in Lars‘ Richtung, dann zur Küche und der dort liegenden Hintertür. Das Schweigen bedeutete nicht, dass die Sternensinger fort waren. Und das wusste auch Lars, der sich trotz der Gefahr gehört zu werden, auf Jasmin zu bewegte.
In die Küche!“, zischte er, die Fremde am Oberarm packend.
Sie holte scharf Luft, doch Lars ließ nicht locker. Zum Glück vermied sie es lautstark zu protestieren.
Jasmin ging voran, hätte die Fremde fast angeschrien, still zu sein, als diese fragte: „Gehen wir durch die Hintertür?“
Doch Jasmin beherrschte sich, schüttelte den Kopf und formte lautlos ein „Nein“ mit ihren Lippen. Sie hätte ihr noch sagen können, dass die Sternensinger ihrer Fährte folgen würden und es unmöglich war, sie abzuschütteln, doch Jasmin wagte es nicht zu sprechen.
Auch in der Küche waren die Rollläden geschlossen. Der Raum lag in kompletter Finsternis und es überraschte Jasmin, dass die Frau überhaupt von der Hintertür wusste. Sie hätte vielleicht gefragt woher, wenn sich nicht in diesem Moment eine unsichtbare Hand um ihren Hals gelegt hätte. Sie spürte einen leichten Druck auf ihren Kehlkopf, wusste, dass dort nichts war und spürte dennoch, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte.
Sie konnte die Schritte der anderen beiden hinter sich hören, tastete blind nach dem Küchentisch in der Mitte des Raums. Das Geräusch, das der Stuhl machte, als sie in ihn hineinlief, ließ sie fast aufschreien. Sie sollte sich hier drinnen auskennen wie in ihrer Hosentasche. So etwas durfte einfach nicht passieren.
Durch die geschlossene Jalousie über dem Fenster konnte sie die Stimmen der Sternensinger hören. Als würden sie ihnen folgen, bewegten sie sich gerade durch den Garten. Genau in die gleiche Richtung wie Lars, Jasmin und die Frau.
Wenn Jasmin sich nicht wieder vertan hatte, befand sich zu ihrer linken die Kellertür. Es war von Anfang an ihr Vorschlag gewesen, sich dort unten zu verstecken, aber Lars wollte unbedingt oben bleiben. Er hasste den Keller. Ironischer Weise war gerade er von den vielen Spinnen dort unten eingeschüchtert. Jasmin musste sie immer entsorgen, wenn sich eine in die Wohnräume verirrte. Es bereitete ihr ein leises Vergnügen zu sehen, wie dieser Kraftprotz auf einen Weberknecht deutete und sie anflehte, dieses „Biest“ zu entfernen.
Er musste gehört haben, dass sie die Kellertür öffnete.
Ich gehe da nicht runter!“, sagte er.
Im Dunkeln konnte Jasmin ihn nicht sehen, drehte den Kopf aber trotzdem etwas und flüsterte: „Du musst. Dort unten werden sie uns nicht finden.“
Da sind Spinnen!“
Als hätte sie das vergessen. Dies war weder der Ort, noch der Augenblick darüber zu diskutieren, dass Lars nichts vor den Tieren zu befürchten hatte, aber es würde kein Weg drum herum führen.
Jasmin wollte gerade etwas erwidern, als sie einen kräftigen Stoß gegen die Brust bekam, das Gleichgewicht verlor und in der vollkommenen Finsternis die Kellertreppe hinunterstürzte. Obwohl sie vor Schmerzen Lichter explodieren sah und ihr Kopf mehrmals gegen eine Stufenkante oder die Wand prallte, schaffte sie es noch, sich zu fragen, ob Lars verrückt geworden war, so zu reagieren.
Was war das? Jasmin?“, hörte sie ihn von irgendwoher brüllen.
Seine Stimme klang viel weiter weg, als es möglich war.
Jasmin wollte ihm sagen, dass er nicht schreien sollte, als oben Glas zerbrach und der Gesang plötzlich laut und deutlich zu hören war.
Shall I play for you, pa rum pum pum pum, on my drum …”
Lars schrie: „Lassen Sie mich los!”
Ein Stuhl oder vielleicht auch der Tisch fielen zu Boden. Lars kämpfte dort oben um sein Leben und Jasmin am Fuße der Kellertreppe mit der Ohnmacht. Sie durfte jetzt nicht bewusstlos werden, sonst würden die Sternensinger sie kriegen. Beim Versuch sich aufzurichten ließ sie ein stechender Schmerz in ihrem Rücken aufschreien.
JASMIN!“ brüllte Lars von oben und dann gab es ein würgendes Geräusch. Als würde sich jemand übergeben. Gefolgt von einem lauten Zischen und einem schrillen Schrei, der eindeutig aus Lars‘ Kehle stammte, aber Jasmin wollte einfach nicht glauben, dass er von ihm kam.
Es klang nicht wie der Mann, den sie seit so vielen Jahren kannte.
Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Sie dachte an das Zischen, überlegte, ob diese Bastarde ihren Lars auf der Herdplatte verbrühten, aber sie konnte noch rational genug denken, dass ihr klar wurde, dass der nicht so schnell heiß war.
Nein! Bitte! Arrrrggh!“ Lars schrie so laut, dass es Jasmin durch Mark und Bein ging. Sie wollte von der Treppe wegrobben, aber ihr Rücken ließ nicht zu, dass sie sich bewegte. Kaum versuchte sie es, kam der Schmerz zurück, hinderte sie am Atmen und ließ sie wieder zurücksinken. Da hinten war eindeutig etwas kaputt gegangen und auch wenn sie es nicht spüren konnte, ihre Beine schienen eine verkehrte Position zu haben. Sie musste an diese Leute denken, die ihre Gliedmaßen verdrehen konnten, als besäßen sie keine Knochen.
Jasmin hatte welche und das war ihr Problem, denn die Knochen bohrten sich gerade als unzählige Splitter in ihr Fleisch, ragten aus den Kniegelenken und ihrer Hüfte. Ein Arzt hätte ihr zu diesem Sturz gratuliert und gesagt: „So etwas habe ich auch noch nicht gesehen. Und ich musste letztens erst einen zerfleischten Tierpfleger aus dem Löwenkäfig ziehen.“
Die Schreie verstummten, etwas explodierte über Jasmins Augen, ließ sie die Augen zukneifen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie offenstanden.
Ein grelles Licht schien durch ihre Lider.
Jemand hatte die Kellerlampe angeschaltet und stieg nun die Treppe hinunter. Zuerst glaubte Jasmin, es wäre nur eine einzelne Person, aber als sie für den Bruchteil einer Sekunde hinsah, entdeckte sie verschwommen die Fremde. Gefolgt von den Sternsingern. Frauen und Männer, in schwarzer Kleidung, ohne ein einziges Haar am Körper.
Jasmin war den Tränen nahe. Sie konnte sich nicht bewegen. Ein schrecklicher Schmerz begann in ihrer Hüfte zu pochen. Das Gefühl kehrte in ihre Beine zurück und sie stöhnte immer lauter, während die anderen sie umkreisten. Ihre Blicke waren auf Jasmins geschundenen Körper gerichtet. Sie wollte die Frau fragen, was das zu bedeuten hatte, als diese neben ihr in die Hocke ging.
Sie strich mit einem Finger über Jasmins Lippen, als wollte sie die Frau am Sprechen hindern.
Ich weiß, was du mich jetzt fragen willst. Und ich beantworte dir deine Frage nur zu gerne.“ Ihre Mundwinkel zuckten, als amüsierte sie sich über Jasmins Anblick. „Vor zwanzig Jahren war mein Vater auf dem Weg ins Krankenhaus. Er lebte geschieden von meiner Mutter, ich hatte ihn lange nicht gesehen und wusste nicht, dass er krank war. Es war bitterkalt draußen, die Straßen waren glatt. Er kam mit dem Wagen von der Fahrbahn ab, landete im Wald und schließlich hier. Mit inneren Blutungen, die ihn töteten, weil keiner von euch die Güte besaß, ihm zu helfen. Was hättet ihr schon großartig tun müssen, außer ihn hereinzulassen, den Krankenwagen zu rufen und ihm so das Leben zu retten? Er wäre euch auf ewig dankbar gewesen. So wie ich. Aber stattdessen habt ihr ihn sterben lassen und tischt Fremden dieses Lügenmärchen über einen Bettler auf. Mein Vater war kein Obdachloser. Er war nur krank und zu stur, sich rechtzeitig untersuchen zu lassen. Und er kannte sich mit Mythologie aus. Flüche, Verwünschungen, aber auch Positives und vielleicht hätte er einem von euch etwas Gutes getan, hättet ihr euch nicht verweigert. Ich weiß, dass seit Jahren keiner von euch hier weg gezogen ist, weil ihr wisst, die Sternsinger können euch finden. Ihr bringt keine Kinder zur Welt, um ihnen den Fluch zu ersparen und lasst niemanden hier her ziehen. Ihr rottet euch selber aus, weil ihr hofft, der Fluch würde erlöschen.“
Sie streichelte Jasmins Stirn.
Das dauert mir aber zu lange.“
Und dann erhob sie sich, trat zurück und die Sternsinger machten einen Schritt nach vorne, dass ihre Fußspitzen Jasmin berührten. Sie schrie auf, japste nach Luft, als ihre schmerzenden Gliedmaßen getroffen wurden und starrte mit weit geöffneten Augen in die Münder der Sternsinger. Niemand von ihnen hatte noch ein Lied auf den Lippen. Tief in ihren Kehlen begann sich etwas zu bewegen und mehrere Tropfen Speichel trafen Jasmins Körper. Sofort stieg zischender Dampf in die Luft, sie schrie erneut und roch wieder verbranntes Fleisch. Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war und es ihr noch mehr Schmerzen bereitete, versuchte sie aufzustehen. Das Stechen im Rücken konnte sie nicht mehr daran hindern. Sie musste weg und zwar sofort, denn sie wusste, was sonst passierte.
Dasselbe wie mit Lars.
Die Sternsinger beugten sich über sie und erbrachen die Säure aus ihren Kehlen über ihren Körper. Jasmin hätte geschrien, wenn ihre Stimmbänder und die Luftröhre beim Einatmen nicht verätzt worden wären.
Während ihre Haut und das Fleisch begannen, von ihren Knochen zu schmelzen, stieg die namenlose Frau die Treppe hinauf und sagte, ohne sich umzudrehen: „Beeilt euch mit ihr und verschwendet nicht all euren Zorn. Wir haben noch eine ganze Menge vor uns. Heute Nacht schenke ich euch und meinem Vater ewigen Frieden.“

Ende

Denkt auch heute an unser Weihnachtsgewinnspiel! Heute ist der letzte Tag zur Teilnahme!
Schaut bis zum 22.12.2014 bei uns vorbei, genießt die Türchen und lasst uns einen Kommentar da. Nicht nur wir Geister, auch unsere Gäste freuen sich über ein paar Worte von euch. Jeder Kommentar wandert in den Lostopf. Also, wenn ihr jeden Tag vorbeikommt und kommentiert, könnt ihr insgesamt 22 Lose sammeln und eure Chancen steigern. Am 23.12. werden wir einen Gewinner ziehen und das Ergebnis am 24.12. im letzten Türchen bekannt geben. 

Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    und das alles vor Weihnachten,
    ahhhh wie schrecklich die Wunschliste wächst weiter.
    Böse Geister bössssssssssssseeee !
    Liebe Grüße
    einen tollen Tag
    Ute

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  2. Eine ganz tolle Kurzgeschichte ist das. Bisschen zu kleine Schrift, aber wofür gibt es sonst den Zoom für den Bildschirm =)
    Vielen Dank für das kurze Lesevergnügen am Morgen.

    LG Maren

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  3. Guten Morgen,

    die Geschichte ist echt gruselig aber toll.

    Lg Bonnie

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  4. Hallo und herzlichen Dank für dieses schöne Adventskalender-Türchen und diese tolle Schauergeschichte. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für Eure tolle Aktion! Ich wünsche dem gesamten Team eine schöne Weihnachtszeit!

    Viele liebe Grüße
    Katja

    kavo0003@web.de

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  5. Huhu,

    auch von mir viiiieeeelen Dank für diese Geschichte und überhaupt für alle Türchen. Der Adventskalender hat wirklich Spaß gemacht!

    Auch ich wünsche allen hier eine wunderbare Weihnachtszeit!

    lg,
    Sabi

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  6. Herrlich ! :)

    Das würde ich gerne Mal einsprechen.

    Kommt gesund ins neue Jahr !

    L.G
    Kerstin

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  7. Huhu,
    vielen Dank für diesen tollen Adventskalender!!
    Da habt ihr euch echt viel Mühe gegeben. :)

    Viele liebe Grüße
    Denise

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