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Dienstag, 9. September 2014

Buch - "Earth Girl: Die Prüfung" von Janet Edwards

Bildquelle: Verlagsseite



Titel: Earth Girl - Die Prüfung
Autorin: Janet Edwards
Genre: Science-Fiction
Verlag: rororo
Seiten: 448 Seiten
Preis: 9,99 Euro

Sie kommt von der Erde.

Ihr Schicksal steht in den Sternen.

Jarra ist ein "Earth Girl". Während sich der Rest der Menschheit aufmacht, fremde Galaxien zu entdecken, ist Jarra zu einem Leben auf dem alten Heimatplaneten verdammt: Aufgrund eines Gendefekts kann sie nicht teleportieren. Sie gehört zu den Ausgestoßenen, den Wertlosen. Aber Jarra hat einen Traum: Sie will normal sein, will wie alle anderen studieren. Ihre Leidenschaft ist die Frühgeschichte - der faszinierende Zeitraum vor der Erfindung der Portaltechnik. Damals lebten die Menschen in riesigen Städten wie New York, die heute nur noch Ruinen sind. Um ihren Traum wahr werden zu lassen, muss Jarra ihre Identität verleugnen. Sie ist bereit, diesen Preis zu bezahlen. Doch als ein schreckliches Unglück droht und nur Jarra es aufhalten kann, beginnt sie sich zu fragen, ob es wirklich so erstrebenswert ist, normal zu sein ...


Quelle: Buchrückseite




Dieses Buch wurde in einer Kramkiste gefunden, dem Genre Sci-Fi zugeordnet und deswegen für gut befunden, mitgenommen ... und ungelesen ins Regal gestellt. Dort schlummerte es dann über Monate, bis mich totaler Lesestoffmangel danach greifen ließ. Nachdem ich die ersten paar Seiten mehr aus Langeweile hinter mich gebracht hatte, dämmerte mir eine schreckliche Erkenntnis: Selten habe ich einem Buch so sehr Unrecht getan wie diesem!


Jarra wächst mit anderen Jugendlichen in einer Art Heim auf. Sie alle haben den gleichen genetischen Defekt: Aufgrund ihres Immunsystems kollabieren sie innerhalb von Sekunden und sterben, wenn sie die Erde verlassen und einen anderen Planeten betreten. Von den "Norms" - oder "Exos", wie Jarra sie abfällig nennt - deren Immunsystem normal ist, die auf allen Planeten überleben können und dies auch tun, werden diese "Behinderten" abgelehnt, teils gehasst. Sie nennen sie verachtend "Neander" oder "Affen". Sogar die Eltern lassen diese Kinder in den allermeisten Fällen im Stich. Die Neugeborenen werden umgehend auf die Erde gebracht und dort der Obhut von Planet Earth übergeben.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie verbittert Jarra ist, dass sie dieses Los, welches sie zudem nicht wirklich akzeptieren will, gezogen hat. Für die Norms hat sie nur Verachtung über, bezeichnet sich selber allerdings auch immer wieder als Affen. Doch sie sieht sich selber als einen vollwertigen Menschen - die "Behinderten" haben nichtmal ein Stimmrecht - und will das allen beweisen. So schreibt sie sich in einem Studiengang der Frühgeschichte der Universität von Asgard ein. Asgard liegt in einem anderen Sektor auf einem anderen Planeten und wird darum nur von Norms besucht. Da der gesamte Kurs der Frühgeschichte jedoch auf der Erde stattfindet, wo Ausgrabungsstätten besucht werden, kann Jarra teilnehmen, denn tatsächlich akzeptiert Asgard University ihre Bewerbung, ist allerdings den Studenten gegenüber zum Stillschweigen verpflichtet, was Jarras Herkunft angeht.

Mit der Zeit gerät Jarras Plan, sich zu beweisen und den Norms dann ins Gesicht zu schleudern, dass sie einen Affen für eine von ihnen gehalten hätten, ins Wanken. Hier stört mich jedoch ein wenig, was der Klapptext über das Buch aussagt. Auf dieses "schreckliche Unglück", wartet man vergeblich. Auch, dass nur sie in der Lage ist, die eine oder andere Situation, die ich zunächst als eben dieses Unglück interpretiert hatte, zu retten, stimmt nicht. Allerdings hat Jarra einen besonderen Status, da sie sich eine Militärvergangenheit andichtet. Ihr Dozent Playdon weiß, im Gegensatz zu Jarras Mitstudenten, was sie ist und stellt sie immer wieder auf die Probe, um ihre Lüge zu entlarven. Doch nicht zuletzt, da Jarra seit ihrem elften oder zwölften Lebensjahr auf den Ausgrabungsstätten gearbeitet hat, kann sie ihre Tarnung aufrecht erhalten.

Ein wenig verwirrt hat mich, als Jarra aufgrund eines schweren Schicksalsschlages von den anderen Leuten nur noch als "die Zivilisten" spricht und sich selber als "wir" dem Militär vollkommen zugehörig betrachtet. Hier hätte etwas deutlicher sein können, dass die Situation etwas in Jarra auslöst, was ihre wahre Identität und die angedichtet verschmelzen lässt.

Der Schreibstil dagegen ist sehr gut. Auf den ersten Seiten hatte ich ein wenig damit zu kämpfen, weil Jarra - das Buch ist in der ersten Person geschrieben - dort wie ein uneinsichtiges, beleidigtes Kind klingt. Das gibt sich allerdings bald. Dennoch schafft die Autorin es, Jarras Art in ihrem Schreibstil zu erhalten, ich kaufe es dem Buch durchaus ab, von einer Achtzehnjährigen, die ihrem Alter in einigen Teilen voraus ist und die eine tiefe Verbitterung in sich trägt, geschrieben worden zu sein.

Die Charaktere selber sind über weiteste Strecken toll. Am besten gefallen mir da Jarra selber und der Dozent Playdon, der Jarra bald mit mehr und mehr Respekt für ihre Leistungen als Taggerin auf der Ausgrabungsstelle und ihr Wissen begegnet. Üerhaupt nicht warmgeworden bin ich dagegen mit Fian, auf den Jarra insgeheim steht. Für mich ist das nur ein weiches, verzogenes Jüngelchen, sehr devot, wie man im Laufe des Buches außerdem erfährt, und damit absolut unpassend zur aufbrausenden und selbstbewussten Jarra, die wie ein Güterzug über ihn wegbraust ... Die Nebencharaktere dagegen sind wieder sehr gut getroffen. Näher vorgestellt werden nur diejenigen, die mit Jarra in Team 1 arbeiten und ihr bald zu Freunden werden, was allerdings auch genügt. Sie sind glaubhaft, haben Tiefe und machten teilweise sehr erstaunliche, allerdings absolut glaubwürdig dargestellte Wandlungen durch.

Etwas idiotisch fand ich einige Bezeichnungen. Erstmal ist die Gesellschaft in ihrer sexuellen Offenheit sehr rückschrittig geworden: Nichteinmal mehr das Wort "Hintern" darf benutzt werden, stattdessen sagt man "Beine" in einer ganz speziellen Betonung. Ich konnte irgendwann nicht mehr lesen, wie Jarra immer von den "Beinen" ihres Lieblingsschauspielers schwärmt. Genauso albern waren Begriffe wie "Betin" - eine Weiterentwicklung des Betons - , "Plas" - vermutlich eine Mischung aus Plexiglas und Glas und einige andere Begriffe in die Richtung. Generell ist die Idee, dass die Baustoffe, die wir heutzutage kennen, weiterentwickelt werden und es auch im Exodusjahrhundert, dem Jahrhundert, als die Portaltechnik entdeckt wurde und die Menschen die Erde verließen, schon waren, sehr gut und vermutlich auch korrekt. Da hätte ich allerdings vollkommen frei erfundene Begriffe bevorzugt und nicht solche Lehnwörter entwickelt.

Das Cover ist in Ordnung und überraschenderweise empfinde ich es sogar als recht ansprechend, obwohl wieder einmal ein Frauengesicht darauf abgebildet ist, das für mich ohnehin nicht die Protagonistin darstellt, da ich ein ganz eigenes Bild von ihr im Kopf habe. Mir gefällt allerdings das Zusammenspiel der Farben, das dunkle, ins Schwarz übergehende Blau mit dem helleren Weiß darin.

Zuletzt gilt zu sagen, dass die Autorin studierte Mathematikerin ist. Dadurch sind die mathematisch-physikalischen Gegebenheiten in "Earth Girl" nicht so futuristisch-abstrus, wie es in vielen Science-Fiction-Romanen der Fall ist, sondern durchaus der modernen und bekannten Physik angelehnt. Traktorstrahlen zur Beseitigung von Geröll und Schutt auf den Grabungsstätten, eine Art Sicherungsleine, die ähnlich funktioniert, für den Tagger, also denjenigen, der den gefährlichsten Job hat, da er als einziger die ungesicherte Grabungsstätte betritt ... gefällt mir sehr gut als Gedanke und in der Umsetzung der Autorin.



Trotz der kleineren Mängel ist dieses Buch einfach nur wahnsinnig gut und absolut empfehlenswert! Es ist das erste Buch seit sehr langer Zeit, in das ich versunken bin, das ich innerhalb eines Tages gelesen habe und das sogar so etwas wie Fernweh hervorgerufen hat. Bilder wurden in meinem Kopf lebendig und ich konnte die Ruinen der aufgegebenen Städte vor mir sehen. Dieses Buch hat in mir den Wunsch wachgerufe, meinen Schutzanzug überzuziehen, die Tür zu öffnen und auf die Grabungsstätten zu gehen, um in der Vergangenheit der Menschheit zu suchen - vorzugsweise als Tagger, alles andere ist zu sehr Rumsitzerei ;) - nur um mich dann extrem unsanft wieder 775 Jahre in die Vergangenheit, ins Jahr 2014, zurückzukatapultieren und mich merken zu lassen, dass es einfach eine extrem gute Geschichte gewesen ist, in die ich für ein paar Stunden eingetaucht bin.

Lesen sollte jeder, der sich für Science-Fiction interessiert, aber auch Fans anderer Genres sind mit diesem Buch gut beraten!

Band 2 ("Earth Girl - Die Begegnung") ist bereits erschienen und von mir gelesen, die Rezension wird folgen; Band 3 erscheint voraussichtlich dieses Jahr im September auf Deutsch (Deutscher Titel noch nicht bekannt).


Hier gibt es absolut verdiente fünf von fünf Skulls!









Kommentare:

  1. Hi Moira,

    als ich deine Rezension eben so durchgelesen habe, hatte ich echt Angst unter zu scrollen, um mir die Endbewertung anzusehen. Du feuerst ja doch einiges an Kritik ab, wobei du da manchmal wirklich sehr ins Detail gehst. Auf ein paar Dinge wäre ich echt niemals gekommen. Ich habe mich auf Jarras Welt mit all den Charakteren, Ausdrücken und Besonderheiten einfach eingelassen und nicht über alles so differenziert nachgedacht.
    Trotzdem bin ich am Ende wirklich sehr froh, dass deine Bewertung so positiv ausgefallen ist. Ich bin nämlich ein totaler Jarra Fan =)

    LG
    Anja

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    1. Hallo Anja,

      ich habe einfach alles aufgeschrieben, was mir dazu aufgefallen ist. ;) Generell hat mich das Buch wirklich vom Hocker gerissen, und die eher negativeren Kritikpunkte sind an sich totale Kleinigkeiten - weshalb durch sie auch keine Abzüge entstanden sind - die ich eigentlich nur drin habe, weil ich etwas finden wollte, glaube ich: ich musste mich selber vor dem totalen euphorischen Abheben bewahren :) Ich denke, sie sind mir teils auch einfach nur aufgefallen, weil ich eigentlich schon fast im Buch lebte, in Jarras Welt und in ihrer Zeit, und so sehr wie auf dieses, habe ich mich schon seit langer Zeit auf kein Buch mehr eingelassen/einlassen können.
      Ich freue mich schon wahnsinnig, wenn der dritte Band endlich auf Deutsch erscheint - einen ganz genauen Termin konnte mir die Buchhändlerin meines Vertrauens vergangene Woche leider noch nicht sagen - und wenn der auch so gut ist, werde ich sie mir auch in Englisch nochmal zulegen :)

      LG
      Moira

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