Seiten

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 4 - Schreibprozesse "Neela" von Maria Engels


Hallöchen ihr Lieben!

Heute versteckt sich etwas ganz Besonderes hinter dem Türchen =) (also wie jeden Tag...)
Ich habe für euch den Prolog aus meinem, hoffentlich, bald erscheinenden Roman "Neela" rausgesucht. Einige von euch kennen mich ja als das (B)Engelchen der Geister. Hier seht ihr mal, was ich so zusammenschreibe, wenn ich nicht gerade über Bücher herziehe.
Der Prolog ist mehr oder weniger eine "Gute-Nacht-Geschichte", allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Die Protagonistin Neela, um die es später noch gehen soll, ist hier sehr jung und lauscht den Worten ihrer Amme. Später wird sie feststellen, dass die Märchen auf einer realen Grundlage beruhen und sich selbst mit Harpyien, Gargoyle, Drachen, Sylphen und allerlei anderen Kreaturen herumschlagen muss. Ich hoffe, dass der Roman nächstes Jahr erscheinen wird.
Aber erstmal hier für euch der Prolog. Vielleicht gefällt er euch ja =)



Prolog

»Es war einmal«, begann sie zu erzählen, »ein Turmwächter, der glücklich mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in seinem bescheidenen Haus lebte. Die Jahre strichen ins Land, die Kinder wuchsen heran, entwickelten sich und wurden verheiratet. Sie genossen das Leben, bis eines Tages die Skorpionreiter in ihr Reich einfielen. Der Turmwächter schloss sich der Armee seines Herren an und zog mit ihm in die Schlacht, um gegen die gefährlichen Kreaturen zu kämpfen. Siegreich kehrte er zurück, doch die Truppe war geschwächt, sie hatten viele Männer verloren. Als der Turmwächter vor seinem Haus ankam, rannten ihm seine Enkel weinend in die Arme. Auch er weinte, glücklich sie wieder zu sehen. Nach kurzer Zeit bemerkte er die traurigen Blicke seiner beiden Angestellten, wie seiner Söhne, die mit ihren Frauen in einigem Abstand zu ihm standen. Die Amme seiner Enkel, früher seiner Söhne, schien in den Wochen, als er weg war, stark gealtert zu sein. Erst da fiel ihm auf, dass seine Frau nicht neben den Kindern stand, dass sie nirgends um das Haus zu sehen war. Der andere Angestellte wich seinem Blick aus, nahm ihm das Pferd ab und machte sich wieder an die Arbeit. Die Amme jedoch starrte ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Seine Kinder kamen langsam auf ihn zu, um ihn zu trösten. Da begriff der Turmwächter und er drückte seine Enkel noch fester an sich. Er –«
»Was hat er begriffen?«, unterbrach sie eine kindliche Stimme.
»Wenn du mich weiter erzählen lässt, wirst du es erfahren«, sagte die Frau streng. Das Mädchen schürzte die Lippen und zog sich die Decke höher, bis unter die Nase. Sie blickte die Frau mit großen Augen an und wartete auf die Fortsetzung der Geschichte.
»Also schön«, setzte die Frau erneut an. »Er ließ sich von einem seiner Söhne, die Enkel an der Hand in ihr Haus ziehen und berichtete ihnen, so gut er konnte, vom Krieg. Als die Enkel am Abend ins Bett gebracht wurde, setzte er sich anschließend mit der Amme und seinen Söhnen in die Küche und fragte nach seiner Frau. Er wusste, dass sie entweder tot war oder entführt wurde. Seine Kinder schwiegen betroffen. Die Amme bestätigte seinen Verdacht und schilderte ihm, was sich in jener Nacht zugetragen hatten. Die Skorpione kamen in der dunkelsten aller Nächte und sie waren schnell gewesen. Lautlos waren die Reiter ins Haus eingedrungen, hatten mitgenommen, was sie kriegen konnten. Seine Frau hatte den Fehler gemacht und war ihnen entgegen getreten, um sie aufzuhalten und die Anderen zu schützen. Die Reiter hatten sie, statt der Enkelkinder, mitgenommen. Die Amme glaubte, dass sie die Frau bereits getötet hatten. Der Graf starrte vor sich hin auf den Tisch, spielte mit einem Messer, nach dem er unbewusst gegriffen hatte. >Sie lebt<, flüsterte er. Die Amme legte ihm tröstend eine Hand auf den Arm und entwendete ihm mit der anderen das Messer. Er sah sie nicht an, starrte weiter auf den Tisch. Sie wusste nicht, was sie noch machen konnte, also ging sie schlafen. Nach einiger Zeit, folgten die Söhne nach. Ihr Vater wollte nicht mit ihnen reden, sondern allein mit seinem Schmerz sein. Am nächsten Morgen war der Turmwächter verschwunden.«
»Wo ist er hin?«, unterbrach sie das Mädchen wieder.
»Willst du die Geschichte nun hören, oder nicht Neela?« Das Mädchen biss sich auf die Lippen und nickte.
»Dann sei ruhig, damit ich sie dir auch erzählen kann«, tadelte die Frau sie.
»Entschuldige«, nuschelte die Kleine. »Ich bin jetzt auch ganz still, versprochen.«
Kritisch musterte die Frau sie und fuhr fort. »Er hatte sich aufgemacht seine Frau zu suchen und war noch mitten in der Nacht aufgebrochen. Er hatte sich geschworen sie zu finden und zurück zu holen.
Er wusste, wo er sie finden würde und ritt zielstrebig auf die Grenze zum Niemandsland, damals noch Schattenland genannt, zu.« Das Mädchen machte große Augen, sie hatte bereits viele Geschichten darüber gehört und wusste, wie gefährlich es dort war. Doch sie sagte nichts und ließ die Frau weiter reden, auch wenn ihr hundert Fragen auf den Lippen brannten. »Es war nicht schwer, die Grenze zu finden und zu passieren. Wie ein Schnitt teilte sie das Land in zwei Hälften. Dahinter lauerten die Gefahren. Doch der Turmwächter kannte sein Ziel und scheute nicht zurück. Das Land, das er betrat, war tot und feindselig. Damals noch mehr als heute. Er wusste von den Skorpionen und Schlangen, ebenso wie von den Harpyien, doch er fürchtete sich nicht. Furcht lockte sie an. Sie konnten sie riechen, Kilometer weit gegen den Wind.«
Dem Mädchen lief ein Schauer über den Rücken.
»Der Turmwächter war mutig und stark. Er wusste, wonach er suchen musste und wie er sich verteidigen konnte, im Falle eines Angriffs. Bald hatte er einen der vielen Höhleneingänge entdeckt. Dieser war unbewohnt, wie er feststellte. Enttäuscht zog er weiter und schmiedete einen Plan, wie er gegen die Kreaturen vorgehen sollte. Wie du weißt, kleine Neela, sind die Skorpione riesig und ihre Schweren sind gewaltige Waffen, zudem haben sie noch ihren todbringender Stachel. Kein Mensch sollte ihnen blauäugig entgegen treten, wenn ihm sein Leben lieb ist. Unser Turmwächter war aber alles andere als blauäugig. Sein Plan nahm mehr und mehr Gestalt an und war vollends ausgereift, als er einen Höhleneingang erreichte, der erst vor kurzer Zeit genutzt worden war. Leise schlich er hinein und begab sich auf die Suche nach den Zellen. Doch es kam alles anders, als er gedacht hatte. Er fühlte sich in den unterirdischen Gängen hoffnungslos verloren und ward bald von den Skorpionen gefunden, die ihn zum Anführer der Reiter brachten. Wie er später in seiner Zelle, in welcher der Clan seine Frau zuvor eingesperrt hatte, erfuhr, war sie längst tot. Die Wände waren blutverschmiert und auf dem Boden fand er viele blonde Haarbüschel, die sich seine Frau ausgerissen haben musste. Der Anführer hatte beschlossen ihn ebenfalls zu töten, so wartete der Turmwächter, mut- und kraftlos auf seine Hinrichtung. Eines Abends befreite einer der Reiter ihn, gab ihm alles, was der Turmwächter zu brauchen schien und führte ihn durch die Gänge an die Oberfläche. Der Turmwächter wusste nicht, wie ihm geschah, konnte nicht erfassen, was mit ihm passierte, bis er die kühle Abendluft einatmete und die Sterne sah. Da begriff er, dass er frei war und zurück zu seinem Haus konnte, zu seinen Kindern und Enkelkindern. Dankend trennte er sich von dem Reiter und lief los. Jedoch nicht in die Richtung seiner Stadt, sondern tiefer in das Schattenland hinein. Er sah keinen Sinn darin, ohne seine geliebte Frau zurück zu kehren. Er wollte zu ihr und wenn er dafür sterben musste. Ziellos lief er umher, bis er die Höhlen der Skorpione hinter sich gelassen hatte und das Gebirge vor sich aufragen sah. Er musste es überqueren, um die Drachen zu erreichen. Einzig sie konnten ihm noch helfen. Er setzte alle seine Hoffnungen in sie, auch wenn er sich innerlich schon aufgegeben hatte.
Die Berge zu erreichen, war schwieriger als er angenommen hatte. Riesig ragten sie über dem Land auf, die Gipfel wolkenverhangen. Doch der Weg war weit und die Ebene ohne Verstecke. So dauerte es nicht lang, bis die Harpyien ihn ausfindig machten. Sie hatten ihn gerochen, konnten den Tod schmecken, der an ihm haftete. Zu fünft kamen sie, ihn zu holen. Harpyien sind schreckliche Wesen. Die geflügelten Hexen werden sie genannt. Sie sehen aus, wie Frauen, mit schwarzen Flügeln. Ihr Schrei kann einer ganzen Armee den Tod bringen, wenn sie es wollen. Ihre Klauen sind messerscharf, mit ihnen reißen sie das Fleisch von den Knochen und ihre Flügel sind so gewaltig und kräftig, dass sie mit einem einzigen Schlag Knochen zerbrechen können. Ihre Opfer sind tot, sobald die Harpyien sie erspäht haben. Als der Turmwächter sie sah, wusste er, dass er keine Chance hatte, ihnen zu entkommen. Er blieb stehen und breitete die Arme aus, um die Kreaturen zu empfangen. Die Harpyien setzten kreischend zum Sturzflug an, streckten ihre Krallen nach vorn. Sie lechzten nach Menschenfleisch, ihre Augen glühten. Die Gier loderte in ihren alles sehenden Augen. Der Turmwächter sah seinen Feinden entgegen, erwartete sie. Die Harpyien –«
»Bitte erzähle nicht weiter, Amme«, unterbrach das Mädchen flehend. »Ich mag die Harpyien nicht. Sie machen mir Angst und ich bekomme sicher Alpträume. Erzähle mir lieber etwas Schönes und ob der Turmwächter seine Frau wenigstens im Tod wieder gesehen hat.«
»Also gut«, sagte die Amme. »Der Turmwächter starb zwar, aber er sah seine Frau wieder. Es dauerte, ehe er sie unter den Geistern gefunden hatte, aber als es so weit war, ließ er sie nie wieder gehen. Und zusammen lebten sie lange und glücklich in der Ewigkeit. Oft besuchten sie ihre Kinder und Enkel, sahen mit an, wie sie aufwuchsen und selber wieder Kinder bekamen. Es erfreute die beiden, ihre Familie fröhlich zu sehen, auch wenn sie nicht mehr Teil ihres Lebens waren.«
Das Mädchen lächelte.
»Ich will später auch mal ein Geist sein, aber nur, wenn ich dafür nicht von Harpyien getötet werden muss«, sagte sie.
»Das hoffe ich auch für dich«, entgegnete die Frau lächelnd.
»Und ich will auch nie nie nie ins Niemandsland. Oder zu den Skorpionen.« Ihre Stimme klang schläfrig, aber bestimmt.
»Schlaf jetzt, kleine Neela. Es ist genug für einen Tag.« Die Frau stand auf, zog die Decke um Neela zurecht und streichelte deren Wange.

»Gute Nacht, Amme«, sagte das Mädchen, dem allmählich die Augenlider schwer wurden. Es kuschelte sich wohlig in die Decke. Es war eingeschlafen, noch ehe die Frau die Kerze auf dem Nachttisch ausgeblasen hatte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen