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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 19 - Interview mit Rona Walter


Heute haben wir ein weiteres Interview für euch. Rona Walter war so frei unserem Engelchen ein paar Fragen zu beantworten. Ihr Fantasy-Horror-Roman "Gläsern" erschien im Juni 2013 beim Luzifer-Verlag und auch das Interview ist ein wenig märchenhaft angehaucht. Rona berichtet uns, was es mit ihrem Schneewittchen auf sich hat, was sie neben dem Schreiben macht und was sie so alles begeistert. 

12 Fragen an Rona Walter:

Würdest du dich und dein Buch »Gläsern« einfach mal vorstellen?
Sehr gerne. Ich bin Rona, Drehbuchautorin und Novellistin, Übersetzerin und Schriftstellerin von zynisch-schaurigen Romanen und düster-fantastischen Kurzgeschichten. Primär schreibe ich seit 4 Jahren Drehbücher, was ich jedoch nach der Publikation meiner Geschichten und Bücher erst einmal bis Ende diesen Jahren aus Eis gelegt hatte … Normalerweise schreibe ich Dokumentationen und beginne ab 2014 die Arbeit an meiner ersten Miniserie.
Das viktorianische Schauermärchen „Gläsern“, das sich dem ewigen Blutbräutigam Blaubart aus der französischen Märchenwelt widmet, entstand bereits vor 8 Jahren, also noch 3 Jahre vor meinem Bestatterroman „Kaltgeschminkt“, der den 2. Platz beim VINCENT PREIS erlangte.
Darin entwickelte ich eine etwas verklärte Welt, die der unseren zwar gleicht, dennoch aber ihr eigenen Regeln hat. Man begegnet einige Märchenfiguren, die jedoch selbständig agieren, sich keinen Regeln beugen, weder literarischen noch klassischen. Ihre Geschichte ist völlig frei von Konventionen und Erwartungen. So macht es einfach mehr Spaß…
Ein wenig zum Inhalt. Während eines langen Winters verschwindet Grafentochter Eirwyn durch den verwilderten Wald. Als daraufhin Graf Hektor vor Gram dem Siechtum verfällt, befiehlt seine Frau, Lady Amaranth, die Suche nach ihr. So soll der Graf seine Gesundheit zurückerlangen. Außerdem plant die Lady den ewigen Kampf mit ihrer schönen Tochter für immer zu beenden. Mit welchen Mitteln auch immer. Der devote Diener Frederick macht sich für sie auf, um die Tochter zurückzubringen. Ihm soll zudem der Kopfgeldjäger und Brautfänger Lord Sandford mit dem nachtblauen Bart zur Seite stehen und die Rabenbotin Jezabel. Die Reise führt sie durch düster-groteske Gefilde, in denen verwunschene Wälder keinesfalls nur bezaubernd sind.
Bald schon jedoch bemerkt Frederick, dass er nicht jedem bedingungslos trauen kann, dass Freundschaft allein oftmals nicht ausreicht und man lange gehütete Geheimnisse nicht einfach ruhen lassen kann. Und dann fällt auch noch eine sorgfältig zur Schau gestellte Maske.
Eine ganze Menge märchenhaftes und abenteuerliches also.


Im letzten Jahr begegnete uns oftmals Schneewittchen in jeder erdenklichen Form, was hat dich dazu animiert, sie ebenfalls als Vorlage zu verwenden?
Allerdings. Die Jahre 2012 und 2013 sind, ebenso wie 2014, die absoluten Märchenjahre, was die Welt der Bücher und des Filmes betrifft. Man beachte Christoph Marzi, Cornelia Funke, Kerstin Gier und auch Klassiker wie die unschlagbare Angela Carter oder auch die Bildbände von Annie Bertram.
Da mein Buch bereits 2005 geschrieben wurde, hatte ich damals eher die Intention, meiner walisischen Version von Schneewittchen, also Eirwyn, eine keltische Vorlage zu geben und vor allem, was am Wichtigsten ist, Blaubart und einer Banshee-artigen Evil Lady den Vortritt zu lassen, die lustigerweise in Rezensionen immer wieder mit der Schneekönigin verglichen wird.
Zudem kennen die meisten den meisterhaften Film von Michael Cohn „Snowwhite – A Tale of Terror“ mit Sigourney Weaver und einer atemberaubenden Monica Keena als Schneewittchen. Vor kurzem wurden dann eine wahre Kämpfernatur von Regisseur Rupert Sanders in „Snow White and the Huntsman“ und eine lustig-verträumte Version in „Mirror Mirror“ auf das Kinopublikum losgelassen. Zudem gibt es noch unzählige Verfilmungen - dennoch, meine keltische Version, basierend auf einer wahren Legende aus Wales und Schottland, habe ich in dieser Form noch nicht entdeckt. Daher glaube ich, dass mein Schneewittchen, auch wenn es nur eine Randfigur in „Gläsern“ ist und auch nicht explizit „Schneewittchen“ genannt wird, eine andersartige, weniger publike Variante darstellt.
Und Geschichten gibt es nie genug, alles hat noch eine weitere Wendung, die es zu entdecken gibt. Man muss nur die Augen aufmachen und aufmerksam genug sein.
Außerdem trifft man in „Gläsern“ auf noch einen alten Bekannten, und zwar den Jäger. Der ist ebenfalls alles andere als ein simples Märchenklischee.



Stimmt, Eirwyn ist wirklich etwas anders und hebt sich deutlich von der Masse ab. Wie ist das, möchtest du weitere Märchen als Vorlage verwenden oder wendest du dich etwas anderem zu? Was sind deine kommenden Projekte?
Nein, ich bin mit meiner Märchensucht nun weitestgehend klargekommen. In „Kaltgeschminkt“ bediene ich mich ja der schottischen Folklore der Feenwesen, die ganz wunderbar und völlig kitschbefreit mit den Bestattern agieren.
In Kurzgeschichten und Novellen trifft man bei mir auf Irrlichter, Kopfgespenster, Dachbodengeister, unwirkliche Häuser, Freelance Folterknechte, giftige Gewächse mit Eigenleben und vielem mehr – „enchanted“ darf es immer sein, solange es einen Touch von Noir aufweist.
Derzeit arbeite ich an den letzten Schliffen einer Novelle, über die ich noch nicht allzu viel sagen möchte. Nebenbei entsteht gerade mein dritter Roman, der sich erneut mit meinem Amaranth Manor befassen wird und den Mittelteil zu den beiden Vorgängern, „Kaltgeschminkt“ und „Gläsern“ darstellen wird. Jedoch ebenfalls wieder als selbständige Geschichte funktioniert.
Dann erscheinen noch einige Kurzgeschichten in englischer und deutscher Sprache bei diversen Verlagen, u.a. erneut bei meinem Hauptverlag LUZIFER, eine Novelle, angelehnt an die Welt von E.A.Poe bei Bastei-Lübbe und etwas selbst publiziertes mit einer Freundin zusammen via Selfpublishing.
Jedoch ist mit dem Bücherschreiben im Jahr 2014 erst mal Schluss. Ich möchte mich wieder meiner filmischen Karriere widmen und ein paar Drehbücher verfassen, bzw. auch eines bei seiner Umsetzung betrachten, die dann starten wird.


Das klingt ja alles sehr spannend und auch ein wenig geheimnisvoll. Wir freuen uns schon darauf, wieder etwas von dir zu lesen. 
Aber noch einmal kurz zurück zum Märchen: Welche ist eigentlich deine Lieblingsmärchenfigur?
Als ich noch klein war, hatte ich immer eine besondere Bindung zur kleinen Meerjungfrau. Ihre Verletzlichkeit und auch ihre Unsicherheit gingen mir damals sehr nahe. Dass sie ein solch großes Opfer für ihr persönliches Glück auf sich nimmt, sich selbst nicht wirklich sieht, wie sie ist, ihre Unzufriedenheit. Dann irgendwann kam die Zeit, in der man mich im Freundeskreis als Schneewittchen bezeichnete, aufgrund des Teints und des dunklen Haares. Auch dieses Märchen mochte ich immer, doch verbunden habe ich mich mit ihm nie wirklich gefühlt.
Blaubart hat mich lange Jahre lang fasziniert und ich hätte noch weitere vierhundert Seiten über ihn verfassen können! Er ist sehr viel tiefschichtiger als man vermuten mag. 
Ich mag die Schwanenprinzessin und nach wie vor die kleine Meerjungfrau, doch meine aktuelle Lieblingsfigur ist wohl die Dreizehnte Fee.



Was machst du denn eigentlich neben deiner Tätigkeit als Autor so?
Nun, wie die meisten Künstler bin ich teilzeitbeschäftigt, um die Rechnungen zu bezahlen. Das nimmt viel viel Zeit in Anspruch. Ich arbeitete einige Zeit als Callcenteragentin für Zeitschriftenverlage. Derzeit bin ich Fotografin in der Touristenattraktion The Hamburg Dungeon und Barmaid im Irish Pub Paddy´s Bar, das einem Freund gehört.
Gelernt habe ich vor einigen Jahren den bodenständigen und sehr interessanten Beruf des klassischen Buchhändlers, nachdem ich drei Jahre eine private Hauswirtschaftsschule besuchte.
Ich übersetze Steampunkromane und Romane aus dem englischen, u.a. für LUZIFER-Verlag und ein bisschen was fällt ja auch immer wieder mal von den Büchern und Anthologien ab.
Mein Masterplan ist, nächstes Jahr weitestgehend von den Drehbüchern zu leben. Eine Utopie? Weiß ich noch nicht…


Da hast du ja einiges um die Ohren. Wir drücken dir natürlich die Daumen, dass alles so klappt, wie du es dir vorstellst!
Gibt es etwas oder jemanden, das/ der dich nachhaltig beeinflusst hat?
Nun, das Leben fort von zu Hause in diversen Ländern hat mich stark beeinflusst, mich selbständig gemacht nach den behüteten Privatschuljahren. Falsche und wahre Freunde und schwierige Begebenheiten, die einen oft auf eine harte Probe stellten. Das wahre Leben eben.
Jemanden? Den gibt es. Mein Mentor Jon Mortimer hat mich in einigen Dingen reifer gemacht, etwas umsichtiger und vor allem klarsichtiger, was das publike Business angeht. 
In menschlicher Hinsicht hat meine Mum immer versucht, mich aufmerksamer zu machen was die Menschen und vor allem die Welt jenseits der in meinem Kopf angeht, und mein Dad war immer bestrebt, mich etwas positiver werden zu lassen, vor allem, als das selbst ausgesuchte Leben ohne geregelten Nine-to-Five-Job plötzlich nicht mehr so einfach war. Ich glaube, sie alle haben gute Arbeit geleistet – gebraucht werden sie aber nach wie vor. Dringendst.



Jeder hat wohl wenigstens ein Buch, dass er absolut nicht ausstehen kann. Wie ist das bei dir? Mit welchem Buch kann man dich jagen?
Oh, das wäre dann wohl ein deutsches, welches ich hier nicht nennen möchte, da es äußerst erfolgreich ist. Wunderbare Idee nur angedeutet und in keinster Weise durchgezogen, wie es das Thema hergegeben hätte. Leider leidlich gut geschrieben, wie man es von einigen amerikanischen Thrillerautoren in deutscher Übersetzung schon mehrfach vorgekaut bekommen hat. Schade, aber der Erfolg sei trotzdem gegönnt. Lesen oder gar empfehlen werde ich die Bücher dieses Autors jedoch nicht. Habe ich als Buchhändlerin in deutschsprachigen Gefilden schon vermieden.


Sehr nett umschrieben ;) 
Du befasst dich ja, wie wir bereits wissen, viel mit Film und Fernsehen. Was sind deine Lieblingsfilme oder -serien? Was hältst du von „Once upon a time“?
Ich liebe „Once“ und finde sowohl den Cast als auch die Story einfach umwerfend. Giniver Goodwyn wäre auch meine Wahl für Schneewittchen gewesen und Robert Carlisle ist einfach immer genial. Eine Serie, die eher für die Damen gestaltet ist, dennoch mit großartigen Dialogen und eine packenden Idee, die auch die Spannung halten kann. 
Ich mochte „Six Feet Under“ gern, als es startete, sehe mir unendlich gern „Dexter“ an und bin derzeit so was von „Ripper Street“ verfallen, der ersten Serie der BBC AMERICA.

Filmtechnisch ist mein absoluter Favorit „The Prestige“ von Christopher Nolan und auch „Burke and Hare“ ist großartig. Ich mag Neo-Noir-verfilmungen wie „Gangster Squad“ und „Black Dahlia“ und stehe absolut auf die BBC-Heritage-Reihe und die Neuverfilmung von „The Woman in Black“. Ich brauche ganz dringend meine Disneyfilme und meine Harry-Potter-Reihe.
Mein absoluter Geheimtipp jedoch ist „Photographing Fairies“ mit einem unschlagbaren Toby Stephens und einer Story, die einen zum Nachdenken anregt – nicht nur für die nächsten fünf Minuten.


Und wer ist dein Lieblingscharakter/-schauspieler? Wer sollte unbedingt mal in einem deiner Werke mitspielen?
Ich bin bekennender Fan von Alan Rickman, Richard Roxburgh und definitiv Toby Stephens, Sohn von Dame Maggy Smith, der nicht nur umwerfend aussieht, sondern auch ein Chamäleon in Sachen Schauspielkunst ist. Derzeit flasht mich Tom Hiddleston in jeder Rolle in Film und Theater und auch Richard Armitage ist in Höchstform, wie es scheint. Ich verehre Helen McCrory und finde Miranda Richardson einfach genial.
Nun, für „Kaltgeschminkt“ oder den englischen Titel „The Human Dress“ wäre Toby Stephens als Bestatter Harris McLiod das Non-plus-ultra und Luke Goss als sein Kontrahent James Beastley purer Rock´n Roll. Holiday Granger und Joana Page als jeweilige Rachelle-Darstellerinnen würde gut passen.


Um mal bei Filmen zu bleiben: Wie stehst du eigentlich zu Buchverfilmungen? Welche sind deiner Meinung nach gut umgesetzt, welche gefallen dir gar nicht?
Das ist immer ein zweischneidiges Schwert und es kommt dabei immer auf einen hervorragenden Cast und vor allem auf die Crew hinter der Kamera und dem Konzept an. Oftmals wird man ausgebremst oder ist nicht mutig genug, weil der Mainstream es nicht zulässt und die Kinos sonst leer bleiben würden. Man bekommt den Wunschdarsteller nicht usw…
In meinen Augen eine der gelungensten Adaptionen ist derzeit „The Hunger Games“. Keine Einschränkungen, keine Rücksicht auf etwaige Anstößigkeiten dieser extremen und grausamen Thematik. Sonst könnte man es meiner Meinung auch gleich lassen, doch der Trend geht derzeit glücklicherweise in Richtung Extrem und Mutig. Ein absoluter Gewinn für die Filmbranche.
Es gibt zahlreiche grandiose Adaptionen, wie beispielsweise alles von Cormack McCarthy und Nick Hornby, Irvine Welsh und vielen mehr. Da sitzen aber auch erstklassige Filmvisionäre an den Hebeln.
Gleich in die Tonne kloppen, wie man so schön sagt, kann man auch so einiges. Da ist es einfach schade um das Budget und die ganze harte Arbeit. Allerdings bin ich zu höflich, um schlecht über Verfilmungen zu sprechen, bzw. schreiben, die mir nicht gefallen haben. Es steckt immer viel Arbeit darin – auch in den schlechten.
Generell habe ich nichts gegen Buchadaptionen und „Dexter“ ist der Beweis dafür, dass man es auch einfach meisterhaft bewältigen kann, einen beinahe unverfilmbaren Charakter wie Dexter Morgan ohne Emotionen erfolgsgewaltig umzusetzen. Man muss nur genug Rückgrat beweisen und sich nicht einschränken lassen, sofern es nicht gerechtfertigt ist.


Wie kamst du denn zum Schreiben von Drehbüchern? Wo ist für dich der Unterschied zwischen Büchern und Drehbüchern?
Darin besteht ein gewaltiger Unterschied. Ein Drehbuch ist in jeder Hinsicht anders aufgebaut als ein Buch oder eine Novelle. Nicht einfacher und auch nicht anspruchsvoller – einfach anders. Es sind zwei verschiedene Welten, die unterschiedlich funktionieren. Und immer gehören dieselben Zutaten dazu, die nur auf zweierlei oder mehrerlei Art und Weise verwendet werden. Aufmerksamkeit bezüglich der Logik, ein unverfälschter Witz sofern angebracht, Souveränität, Intellekt und Fingerspitzengefühl. 
Wenn es im Script beispielsweise nonstop regnet, denkt man sich als Screenwriter, „cool! Tolle Atmosphäre!“ Der Producer hingegen runzelt angesichts der gewaltigen Kosten, die mit einer Regenmaschine einhergehen, besorgt die Stirn. Daher dreht man entweder im Westen Englands oder man lässt es einfach sein.

Zum Schreiben von Drehbüchern haben mich zweierlei Dinge gebracht. 
Die treibende Kraft war wohl ein guter Freund, der meinte, dass mein Geschriebenes unglaublich visuell sei und ich es wohl schaffe, in nur zwei Sätzen ganze Schauplätze zu beschreiben und Figuren ohne viel Erklärung persönlich und detailliert wirken zu lassen. Also gab er mir den Rat, zum Film zu gehen, was auch sogleich mit einem gewissen Erfolg gelang. Alle meiner Scripts wurden erfolgreich umgesetzt, wie man auf meiner Homepage sehen kann.

Mein Mentor Jon, der Filmkomponist ist, hat das Ganze dann unterstützt und gefördert.
Die zweite Sache war einfach die Tatsache, dass in Deutschland trotz zahlreichen Lobes bezüglich meiner individuellen (im positiven Sinne) Ideen und meines Talentes zum Schreiben kein Verlag meine Bücher publizieren wollte. Da denkt man sich nach einige Jahre dann eben auch mal kurz: Next.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview und die Einblicke in dein Leben! 
Die berühmten letzte Worte gehören dir.
An dieser Stelle möchte ich gern etwas von DiTerlizzi klauen und den Lesern mit auf den Weg geben:
„If you walk amongst the trees – look close and do not blink.
Because the world you´re entering – is BIGGER than you think!”

Ich bedanke mich! Hat Spaß gemacht!


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