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Montag, 16. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 16 - "Sneakpreview Ozea II" von Mendea de Scalett


Vor wenigen Monaten veröffentlichte unser Geiste Mendea ihr erstes eigenes eBook "Ozeas Geschwister - Flammentanz" und nun liegt sie in den letzten Zügen zu Teil 2.
Heute dürft ihr einen ersten Blick auf einen Teil der unbearbeiteten Rohfassung werfen und einfach mal schauen, wie es mit Tinuviél und Falrem weiter geht.



Sneakpreview "Ozeas Geschwister - Felsenmeer" 

Tinuviél war es nur recht vom Wasser weg zu kommen. Denn obwohl sie mit dem Azalan böse Erinnerungen verband und es immer noch eine Insel voller Verbrecher, Mörder und Scharlatane war, hatte dieser Ort in ihren Augen etwas Beruhigendes. In Momenten wie diesen brach ihr Heimweh besonders stark hervor. Vielleicht lag es daran, dass die weite Wüste ihrer Heimat am nächsten kam, sie die Hitze liebte und der Sand sie nicht beeinträchtigte.
Mit federndem Gang eilte sie immer ein kleines Stück voraus auf die nächste Düne, um sich zu orientieren und Ausschau zu halten. Genüsslich zog sie die brennende Luft ein und ließ es zu, dass die Sonne ihre Kleidung trocknete und ihr Blut zum Kochen brachte. Die Aussicht darauf, hier einen ihrer Brüder zu finden, steigerte ihre Laune noch mehr.
Ihren Gefährten hingegen machte die Wüste schwer zu schaffen. Schweißüberströmt und keuchend kletterten Falrem und Visivel hinter ihr den Sandberg empor. Immer noch oder schon wieder klebten ihnen die Haare nass an der Stirn und ihre Wasservorräte neigten sich bereits nach den ersten wenigen Meilen gen Ende. Sie waren nur ein Leben auf See gewöhnt - die Hitze brachte sie an ihre Grenzen. Hinzu kam, dass der Sand unter jedem ihrer Schritte nachgab und so ihr Fortkommen erschwerte.
Selbst Atorius fiel nach und nach der Wüste zum Opfer. In weiser Voraussicht hatte er seine schwere Plattenrüstung an Bord der Hydra gelassen. Trotzdem glänzte sein Gesicht vor Schweiß, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. Schwächezeigen war kein Talent eines Paladins.
Tinuviél beobachtete ihre Begleiter mit besorgter Miene, dann spähte sie zum Horizont. Der gewaltige Berg, der dieser Insel seinen Namen gab, malte sich als großer, drohender Schatten ab. Dort konnten sie zwar etwas Schutz vor der Sonne finden, aber der Weg war noch weit. Die Rothaarige schätzte es auf fünf oder sechs Meilen - was unter diesen Umständen für ihre Begleiter eine halbe Ewigkeit war.
Ihr Blick glitt weiter und blieb erst an einer Handvoll schwarzer Flecken im Osten hängen. Prüfend verengte sie die Augen. Die flirrende Luft machte es schwer etwas auf diese Entfernung zu erkennen, doch sie war sich plötzlich sicher, dass sie beobachtet wurden.
Atorius kam neben ihr zum Stehen und atmete tief durch. »Die Heimat des Steinhauses.«
Tinuviél nickte sacht, ohne die Gestalten aus den Augen zu lassen. »Wollen wir hoffen, dass unser alter Freund zu Hause ist«, murmelte sie konzentriert.
Dem Paladin entglitten für einen Moment die Gesichtszüge. »Du hast doch gesagt ...«
Mit einem zweifelnden Blick schnitt seine Schwester ihm das Wort ab. »Du weißt selbst, wie kryptisch das Orakel sein kann. Es war schon mehr Glück als Verstand, dass wir dich gefunden haben.« Bevor Atorius weiter bohren konnte, stieß die Rothaarige ihm mit dem Ellbogen in die Seite und deutete wortlos auf ihre Entdeckung.
Der Paladin gab ein leises Brummen von sich und legte die Stirn in tiefe Falten. »Es war klar, dass wir nicht unbemerkt bleiben. Hoffentlich haben sie lange genug Scheu vor uns, bis wir die Riesen erreichen.«
Tinuviél lächelte breit und krempelte die Ärmel ihrer Robe hoch. »Von mir aus können sie sich gerne hertrauen.«
Atorius wollte zu einer Antwort ansetzen, als sich hinter ihm Falrem schnaufend in den Sand fallen ließ. Abwertend hob der junge Kapitän eine Hand. »Stört euch nicht an mir. Diskutiert was auch immer in Ruhe aus. Ich mach so lange ein Päuschen und sterbe, wenn es recht ist.«
Tinuviéls Miene blieb amüsiert, als sie einen Blick über die Schulter warf. »An deiner Stelle würde ich das nicht tun.«
Im selben Moment schreckte Falrem schreiend auf und rieb sich sein Hinterteil. »Verdammter Mist! Ist das heiß!«
Während das junge Mädchen nur sacht den Kopf schüttelte, lachte der Paladin leise. »Der Sand hat sich durch die Sonne erhitzt«, erklärte er väterlich. »Teilweise wird er so heiß, dass man sich daran verbrennen kann.«
»Wundervoll«, knurrte Falrem und stapfte einfach wieder die Düne hinab. »Dann sollten wir zusehen, dass wir hier wegkommen, sonst werde ich noch ganz weich gekocht.«
Prompt hatte Tinuviél mehrere freche Antworten parat, schwieg aber als sie sich einen mahnenden Blick ihres Bruders einfing. Stumm zuckte sie mit den Schultern und folgte dem Kapitän, denn eigentlich hatte er recht. Je schneller sie diesen Ort hinter sich ließen, desto besser war es. Auch wenn ihr die Wüste nichts ausmachte, konnte ihr dennoch der Rest des Azalans gefährlich werden.
Flink hatte sie zu Falrem aufgeschlossen und ging schweigend neben ihm her. Besorgt musterte sie ihn aus den Augenwinkeln. Sein Gesicht war rot vor Anstrengung, sein Leinenhemd durchgeschwitzt und seine Bewegungen fahrig. Eins war klar: Lange würde sein Körper das nicht mehr aushalten. Tinuviél biss sich auf der Unterlippe herum und dachte nach. Es musste eine Möglichkeit geben, es ihm leichter zu machen.
Ein kurzer Schmerz zog durch ihr rechtes Handgelenk, als ob es sie an das Mal und die verborgene Kraft erinnern wollte. Konnte sie es wirklich wagen?
Mitten im Schritt hielt sie an und griff nach Falrems Ärmel. »Warte mal einen Moment.«
Wie befohlen blieb der Seemann stehen und schaute fragend zu ihr hinab.
»Würdest du dich kurz hinhocken?« Fast schon zaghaft lächelte sie ihren Gegenüber an und zog auffordernd an dem Stück Stoff in ihrer Hand.
Falrems Miene wurde noch eine Spur verwirrter, aber er folgte erneut der Bitte und ließ sich in die Hocke sinken. »Was hast du vor?«
Entschieden schüttelte das Mädchen ihren Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob es funktionierte und wollte es ihm nicht erklären. Stattdessen umschloss sie sein Gesicht mit ihren Händen. Sie spürte die Hitze seiner Haut und den Schweiß an ihren Fingern. Es kam auf einen Versuch an.
Um sich besser konzentrieren zu können, schloss sie die Augen und atmete tief ein. Ganz von selbst fand sie die Energie in sich - warm und gleichmäßig pulsierte die Magie in ihrem Geist. Es brauchte nur einen Hauch, um die Kraft zu entfesseln, doch anstatt sie hinauszulassen, wollte sie die Macht des Mals speisen. Vorsichtig streckte die Magie einen Fühler aus, tastete sich an Falrem heran und liebkoste seine heiße Haut. Sie hörte, wie der Seemann ein überraschtes Zischen von sich gab. Sein ganzer Leib erzitterte. Vielen Menschen war der Kontakt mit Magie unangenehm, wenn sie es nicht gewohnt waren. Kurz wollte er sich der Berührung entziehen, ließ es dann aber zu.
Tinuviél spürte das Prickeln in ihren Fingern, als die Fäden die Wärme in sich aufsogen und zu ihrem inneren Feuer hinzufügten. Als die Haut unter ihren Fingern eine angenehme Temperatur angenommen hatte, ließ sie die Hände sinken und schlug die Augen auf.
Große, blaue Augen starrten ihr verwundert entgegen - klar wie der Ozean und so unendlich tief, dass man sich darin verlieren konnte. Falrem war zum ersten Mal, seit dem sie ihn kannte, sprachlos.
Tinuviél spürte, wie sie rot wurde. Der Blick des jungen Mannes verunsicherte sie, so dass sie nur unruhig lächelte und sich leicht abwandte. »Geht es dir besser?«, fragte sie bemüht entspannt.
Langsam erhob Falrem sich. Sein Gesicht war wieder angenehm gebräunt, sein Haar getrocknet und er wirkte direkt ruhiger. Verwirrt fuhr er sich über den Bart. »Wie hast du das gemacht?«
Sofort reagierte der Trotz in Tinuviél, und sie schaute eingeschnappt zu ihm auf. »Ich stamme aus dem Haus des Feuers. Ich kann nicht nur die Flammen und die Hitze entstehen lassen!«
»Sondern auch nehmen«, erweiterte Falrem anerkennend den Satz. »Danke.«
Seine Ehrfurcht erstaunte sie. Als er dann noch ein warmes, zufriedenes Lächeln auf seine Züge zauberte, war sie vollends verwirrt. Er nahm ihre Fähigkeiten hin, hinterfragte sie nicht und schien sie zu schätzen. Das war ungewohnt, neu. Die meisten anderen Menschen waren ihr mit Abscheu, Angst, Neid oder einem ungesunden Interesse begegnet. Falrem hingegen respektierte es nur. Eigenartiger Kerl, dachte Tinuviél bei sich und ging einfach weiter.
Sie hörte, wie hinter ihr Atorius die Navigatorin dazu ermunterte, weiterzugehen, als ein kurzes Beben sie erfasste. Wie angewurzelt blieb sie stehen.
»Was war das?«, fragte Falrem, der ebenfalls sofort innegehalten hatte und sich erschrocken umsah.
Tinuviél blickte rasch zu ihrem Bruder. Ihr Herz pumpte panisch das heiße Blut durch die Adern, bis es in ihren Ohren rauschte. Wachsam spitzte sie alle Sinne. Sie hatte so etwas schon mal erlebt - damals als sie das erste Mal auf dieser Insel gelandet waren.

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