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Sonntag, 15. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 15 - Kurzgeschichte: "Angst" von Magdalena Rose


Angst
von Magdalena Rose


Ganz langsam begann es. Etwas, das beide nicht zu benennen vermochten. Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Redeten und lachten oft. Doch war es immer noch etwas ganz Besonderes, wenn sie allein waren. Sobald eine Person hinzu kam, veränderte sich kaum merklich die Atmosphäre und beide zogen sich innerlich zurück.

Charmant sorgte er dafür, dass sie sich in seiner Nähe wohl fühlte. Seine Offenheit war erfrischend, die Direktheit entwaffnend. Manche hätten seine Komplimente in ihrer Einfachheit vielleicht als plump empfunden, sie war einfach nur verblüfft. Wenn er sagte, dass er sie schön fände, ließ er überflüssige Worte weg und übermittelte den Inhalt in schlichter Eleganz. Das allerdings ließ seine Information nicht weniger wertvoll erscheinen.


Oft geschah es, dass sie, im Gespräch vertieft, vom aufziehenden Morgen überrascht wurden. Beiden gefiel es zusammenzusitzen und über ganz verschiedene Themen zu sprechen, die sie bewegten. Ihr bedeutete es viel, dass er das Beste aus ihr herausholte, zum Beispiel, indem er Fragen stellte, die sie zum Nachdenken brachten. Immer wieder war sie von sich selbst überrascht, wenn sie ihm Dinge erzählte, von denen sonst nur engere Freunde wussten.

Doch es gab etwas, das sie in jeder Unterhaltung umging. Es ließ sie innerlich erzittern, wenn das Gespräch sich in diese Richtung entwickelte. Gefühle, die über Freundschaft hinausgingen, waren ihr nicht allzu geläufig und obwohl sie sich danach sehnte, wollte sie sich davor schützen. Bisher war ihr das immer ganz gut gelungen. Doch nun wurde es wirklich gefährlich.

Lange bevor das Thema zur Sprache kam, wusste sie, wie es um seine Gefühle für sie stand. Ganz bewusst bemühte sie sich, das Thema nicht zur Sprache kommen zu lassen, denn es war ihr mehr als unangenehm. Ihre Angst vor dieser Erörterung lag begründet in ihrer Unsicherheit, wofür sie sich entscheiden sollte.

Aus ihrer Sicht gab es keine Möglichkeit, dass beide unbeschädigt aus der Sache herauskamen. Sie wusste zu gut, dass er sein Herz längst in ihre Obhut übergeben hatte. Dennoch konnte sie sich nicht dazu entschließen, sich darauf einzulassen.

Nicht ohne Grund war sie noch immer Single. Es war nicht so, dass sie nie genug Angebote gehabt hätte. In all den Jahren hatte sie eine Mauer um ihr Herz errichtet und immer weiter gefestigt. Eine ehrliche Beziehung einzugehen hätte bedeutet, die Mauer einzureißen, die sie bisher vor Schaden immer hatte schützen wollen. Sie müsste sich fallen lassen, ihm nichts vorenthalten, denn weniger hatte er nicht verdient.


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