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Mittwoch, 11. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 11 - Kurzgeschichte: "Zucker" von David Michel Rohlmann


Stollen, Lebkuchen, Marzipan und natürlich der Schokonikolaus. Besonders zu Weihnachten ist die Liste der süßen Sünde lang und jeder gibt sich ihnen nur zu gerne hin. Was aber passiert, wenn der Mensch mal keinen Zucker bekommt? David Michel Rohlmann gewährt uns einen kurzen Einblick.


Zucker
von David Michel Rohlmann

Ich nippe an meinem Kaffee und starre dabei auf die Seminartexte für kommende Woche.
„Religiöse Gründe im öffentlichen Raum“. Spannendes Thema...

Der Kaffee schmeckt bitter. Normalerweise trinke ich ihn mit Milch und Zucker, aber Zucker ist aus. Eigentlich habe ich damit kein Problem. Notfalls trinke ich ihn auch schwarz. Hauptsache Kaffee. Aber heute schmeckt er mir ohne Zucker nicht so richtig.

Ich überlege einen Moment und entschließe mich dazu, den enttäuschenden Kaffeegenuß mit einem Keks aufzupeppen.
Als ich die Süßigkeiten-Schublade öffne, schlägt mir gähnende Leere entgegen. Eine halb verhungerte Fliege entflieht der Lade, steigt einen halben Meter in die Höhe und fällt daraufhin tot zu Boden. Frustriert kehre ich zum Schreibtisch zurück.

Nun gut... Keks hin oder her. Ich sollte mich nun wirklich auf die Seminartexte kondensieren. Äh, konzentrieren. Auch ohne Zucker... Süßkram, Törtchen, Sahnebaisers, Haselnusspralinen.
Ich schüttele genervt den Kopf und spieße statt eines Apfelkuchens den ersten Satz des Textes mit Augen auf.
„Das Konzept des liberalen Staates hat verschiedene Konzeptionen, sie wurden ausformuliert von Manfred Süß und Beatha Zucker.“
Ich stöhne leise. „Religiöse Gründe im öffentlichen Raum“ ist offenbar mit dem Teufel im Bunde, um mich in Versuchung zu führen.
Moment. Dahin zu führen?! Ich würde der Versuchung ja jetzt schon bereitwillig nachgeben, hätte ich nur eine verdammte Gelegenheit dazu!

Ich springe auf und eile in die Küche. Das Nutella-Glas leer, der Kakao verschwunden und der Honig, dessen Preis noch in D-Mark vermerkt war, hatte vor kurzem den Weg in den Mülleimer gefunden.
Die Klappe öffnet sich. Ohne viel Hoffnung schiele ich hinein. Zwischen Zigarettenstummeln und halb verfaulten Tomaten liegt der goldene Bienensaft klebrig in den Scherben des Honigglases. Mit einiger Überwindung dippe ich einen Finger hinein, kann mich dann jedoch nicht dazu durchringen wirklich davon zu kosten.

Ein Geistesblitz überkommt mich, ich wische den Finger am Shirt ab und öffne den Schrank mit den Backutensilien. In der hintersten Ecke stehen die Zutaten, die nur zu Weihnachten den Weg ans Tageslicht finden. Es ist kein Marzipan darunter, keine Backmischung, nur ein kleines Schälchen Zimt und Zucker. Gierig greife ich danach und lecke es aus. Gleich darauf pruste ich eine braune Wolke durch die Küche. Ganz offenbar hatte ich den Zimt noch nicht mit Zucker gemischt.
Während ich mir den Mund ausspüle, meldet sich zaghaft der Verstand in mir und fragt, was ich in seiner Abwesenheit angestellt habe. Er ist von meinem Bericht der Ereignisse nicht gerade begeistert und tritt mir kräftig gegen den linken Stirnlappen.
Das hilft. Ich werde ruhiger und schiele zur Uhr. Sonntag Mittag. Die Supermärkte dürften geschlossen haben; die für einen zuckerreichen Snack in Frage kommenden Bars erst in vier Stunden öffnen.

Ich schlage mir wegen meiner eigenen Dummheit vor die Stirn und eile zur Wohnungstür hinaus, um gegenüber beim Nachbarn zu klingeln. Nachdem ich geschellt habe, wird mir plötzlich bewusst, wie ich aussehe: das ehemals weiße Shirt verschwitzt und mit Honig verschmiert, die Hose und das Gesicht braun von der Zimtwolke, die Haare in Agonie zerrupft.
Und was will ich überhaupt sagen? „Entschuldigen Sie, aber hätten Sie vielleicht irgendwas mit Zucker für mich? Egal was?! Kuchen, Schokolade, vielleicht ein gottverdammtes TicTac?!“ Klingt ein klein wenig verzweifelt.

Ich erlebe eine halbe Minute der Besinnung, während derer ich meine Haare richte und mir eine höfliche Anfrage zurecht lege. Es folgt eine halbe Minute der Verzweiflung, da sich noch immer nichts in der Nachbarwohnung tut.
Ich klingle erneut.
Keinerlei Reaktion.
Ich klingle Sturm.
Nebenbei bemerke ich, wie der Verstand seine Koffer packt, seinen Hut aufsetzt und mir noch einen schönen Tag wünscht, als er sich verabschiedet. Gut so!

Ich stoße ein hysterisches Lachen aus und beginne in halsbrecherischer Geschwindigkeit die Treppe hinab zu stürmen. Bei jeder Wohnung auf dem Weg hämmere ich meine Faust gegen die Klingel, ohne zu warten, ob überhaupt jemand öffnet. Selbst wenn einer von ihnen daheim sein sollte, sie würden ihr süßes, weißes Gold ja ohnehin nicht mit mir teilen. Sie wollen es alle für sich, wollen mir nichts abgeben. Verrückt, alle mit einander verrückt. Ich lache, aber es klingt wie ein Heulen.

Stürme aus dem Haus. Auf der anderen Straßenseite steht ein Muffin-Verkäufer. Er ist so gut wie fällig.
Ich renne los. Ein Auto kommt von rechts und bleibt mit quietschenden Reifen und lautem Hupen nur wenige Zentimeter vor mir stehen. Als der Fahrer den hochroten Kopf aus dem Seitenfenster steckt, um mich anzuschnauzen, schreie ich ihn an. „ZUCKER!! ICH BRAUCH ZUCKER, GOTTVERDAMMT!!“ Das Seitenfenster schließt sich und der Typ macht, dass er wegkommt.

Taumle halb blind auf den Muffinverkäufer zu. Das Schreien hat alle Kraftreserven verbraucht.
„Muffin“, stöhne ich und greife Halt suchend nach dem Verkaufs-Wägelchen, um nicht gänzlich zusammenzubrechen.
„Nee, nee, nix da, Freundchen“, antwortet er und weist an mir vorbei. „Hinten anstellen wie alle anderen.“
Ich blicke zur Seite. Werde erst jetzt der kilometerlangen Schlange anstehender Muffinfanatiker gewahr. Ignoriere sie gekonnt.
„Muffiiiiin...“, wiederhole ich. Sabber rinnt mir aus dem Mundwinkel.
„Haste überhaupt Geld dabei?“, fragt der Verkäufer skeptisch.
Natürlich nicht. Und wenn schon. Bin eh nicht mehr in der Lage zu bezahlen. Muss essen. Muss Zucker auf Zunge schmecken.
„Na, dann hau ab“, fordert der Muffinverkäufer, als ich nicht antworte und wedelt mit der Hand vor meiner Nase rum, als sei ich ein lästiges Insekt. Seine Hand riecht nach Muffin. Ich schnappe danach. Überlege kurz, ob der Muffingeschmack mittlerweile auf den Verkäufer übergegangen ist. Strecke die Hände nach ihm aus, reiße den Mund auf und stöhne gequält, als ich versuche ihn zu packen.
Er kann die Attacke in meinem geschwächten Zustand problemlos abwehren und ich gehe zu Boden. Winsle kläglich und krabbel davon.

Halb wahnsinnig, kreidebleich und mit zittrigen Gliedern stolpere ich durch die Innenstadt. Schreie Passanten an. Weiß schon eine Sekunde später nicht mehr, was ich ihnen vorgeworfen habe. Schleppe mich weiter.
Von wegen „Angst essen Seele auf“. Zuckerentzug ist das wahre Martyrium.
Auf einmal steht ein Kinderwagen neben mir. Darin liegt eine Tonne von einem Baby. Die Eltern hatten die Kugel offenbar mit der Absicht gezüchtet, sich im Falle einer plötzlichen Hungersnot mehrere monatelang davon ernähren zu können. Zwischen den fetten Fäustchen hält es einen Lutscher, der in der Nachmittagssonne verführerisch funkelt. Ich sehe mich kurz zu allen Seiten hin um.

In der Fußgängerzone schreit ein fettes Baby in einem Kinderwagen herz- und vor allem trommelfell-zerreißend, während ich einige Seitengassen entfernt in einer dunklen Ecke sitze und mit großen Augen und wässrigem Mund den Lutscher umklammere. Als ich das glitzernde, klebrige Juwel mit Blicken verspeise, höre ich meine Stimme leise „Mein Schaatzzz“ zischeln. Ohne noch eine weitere Sekunde zu verschwenden, verschlinge ich den Lolli samt Stiel. Gleich darauf verliere ich die Kontrolle über meine Gliedmaßen und entgleite in ein gnädiges Delirium süßer Verzückung.


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