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Sonntag, 1. Dezember 2013

Geistertürchen Nr. 1 - "Victorias Weihnachtsgeschichte" von Stefanie Hasse


Es ist soweit! Der Geisterkalender öffnet von nun an jeden Tag bis Weihnachten ein Türchen für euch. Wahnsinnig viele kreative Köpfe haben sich bei uns gemeldet und sich richtig Mühe mit dem Füllen des Kalenders gegeben. Ich hoffe, ihr erfreut euch daran so wie wir.
Den Anfang macht die Jungautorin Stefanie Hasse mit ihrer Kurzgeschichte "Victorias Weihnachtsgeschichte". Mehr Infos zu ihr, Victoria und dem Roman "Schwarzer Rauch" findet ihr auf ihrer Facebook-Seite.
Alle Leseratten können ihre Geschichte auch kostenlos auf Amazon downloaden!Oder über iTunes.




20. Dezember


Seit Wochen war der Duft von Zimt wieder allgegenwärtig. Überall in den Geschäften fanden sich Hunderte von Kerzen, Kisten voller Weihnachtsdekoration, etliche Tonnen künstlichen Schnees.
Die Lebensmittelketten hatten wie jedes Jahr noch früher begonnen, ganze Lebkuchentürme zu errichten, Unmengen an Süßigkeiten zu stapeln, um damit Kinderaugen zum Leuchten und Mütter zum Verzweifeln zu bringen.
Schon als ich den Schlüssel in unserer Haustür umdrehte, strömte mir der Duft frischgebackener Plätzchen entgegen. Meine Mutter hatte sich wie jedes Jahr die Tage vor Weihnachten frei genommen, um „in Stimmung“ zu kommen. Als ich in den Flur trat, zog sie gerade das erste Blech aus dem Ofen. Noch ehe ich meine Mütze abgesetzt und mich aus dem dicken Wintermantel geschält hatte, präsentierte sie mir das Ergebnis.
Ihre Gedanken hatte ich bis nach draußen gehört. Der Plätzchengeruch war bereits durch den Dunstabzug gekrochen und versüßte allen Vorbeigehenden den Moment.
Ihr zuerst seeliges Lächeln wurde jedoch schnell von einem einzigen Gedanken und dem dazugehörigen Gesichtsausdruck ersetzt: Scham, noch nicht »so weit« zu sein, noch kein einziges Plätzchen gebacken und die Dekoration noch in großen Kisten tief auf dem Dachboden gelagert zu haben. Von den Weihnachtsgeschenken für die Familie, die Kollegen, Freunde und Nachbarn ganz zu schweigen.
Solchen Gedanken begegnete ich ständig. Die Verzückung über ein wunderschön dekoriertes Haus wich sofort der Hektik, die für Erwachsene zur Vorweihnachtszeit zu gehören schien wie für die Kinder der Adventskalender.
Überall sah ich Stress und Eile. Die Menschen ähnelten dem weißen Kaninchen auf erschreckende Weise.
»Ich bin zu spät, ich bin zu spät!«
Je näher der 24. Dezember rückte, desto lauter hörte ich diese Gedanken und die Verzweiflung, die sich darin eingenistet hatte. Meine einzige Ablenkung waren die Blicke in die Köpfe der Kinder. Sie besaßen reine Gedanken, hatten Wünsche, Hoffnung. Ich sah Erwartung und Vorfreude.
Sie waren es, die mich diese Zeit aushalten ließen. Früher war es mir genauso ergangen. Ich hatte mich auf das Backen gefreut, hatte jeden Morgen als Allererstes den Adventskalender mit den kleinen Schokofiguren darin geöffnet und meine Weihnachtsstimmung war mit jedem dieser Bissen gestiegen.
Aber all die Jahre später? Ich sah die Hektik, den Stress und die Eile in den Köpfen der Menschen. Sah, dass kein Fünkchen von dem Familiengedanken übrig war. Selbst bei den Kirchgängern las ich nirgends etwas von Christi Geburt. Betlehem, die Schafshirten, die Engel, die Geburt des neuen Königs, der Stern, der Stall, Maria und Josef existierten nur noch in antik anmutenden Krippen. Ich selbst war früher diesem Glauben gefolgt, hatte mich daran festgehalten. Jetzt wusste ich, dass nichts von dieser Geschichte real war. Weniger noch als all die anderen dokumentierten Ereignisse aus menschlichen Geschichtsbüchern.
Mein Schöpfer war der Mond. Er war es, der mich mit meiner besonderen Gabe beschenkt hatte, die Gedanken anderer zu lesen. In dieser Zeit kam es mir vor, als würde diese Fähigkeit allein dazu dienen, mir vorzuhalten, wie schrecklich Weihnachten war. Aber das wollte ich nicht. Ich war so erzogen worden, an Gott, das Jesuskind in der Krippe und all das andere zu glauben. Ich wollte die damit verbundene Hoffnung nicht aufgeben.
Selbst wenn meine Eltern vielleicht auch nicht wirklich gläubig waren, konnten sie mir zumindest eines vermitteln: Weihnachten war das Fest der Liebe.
Früher war es überall so, dachte ich. Heute ist es das Fest der Hektik und des gegenseitigen Übertrumpfens.

»Hilfst du mir?«, vertrieb meine Mutter die Gedanken. »Der Teig ist schon ausgerollt.«
Schnell wusch ich mir die Hände und suchte nach meiner liebsten Ausstechform. Einem Mond, den ich schon in Kindertagen öfter als alle anderen Formen genutzt hatte. Ich wusste nicht, ob es an meiner speziellen Verbindung zu ihm lag, oder ob es Zufall war. Doch ich verband jedes erlebte Weihnachtsfest mit dem Mond.
Selten hatte ich nur den Stern über die Krippe gehängt. Meine Hirten wurden vom Mond geführt, der heller leuchten konnte als jeder Stern.
Lächelnd stach ich einen Mond nach dem anderen aus dem Teig, legte ihn aufs Blech und lauschte den Gedanken meiner Mutter.
Sie erinnerte sich an das erste Mal, als ich ihr helfen durfte. An das Mehlchaos in der ganzen Küche, an Teig in einem kleinen Gesicht, das von kurzen blonden Zöpfen umrahmt war.
Da musste ich etwas mehr als zwei gewesen sein.


Meine Gedanken glitten davon. Während meine Mutter von dem Durcheinander erzählte, das ich soeben in ihren Erinnerungen gesehen hatte, rauschten Abschnitte meines Lebens der letzten Monate an mir vorbei, aus der Zeit nach meiner Wiedergeburt als Kind des Mondes.
Durch Diana, der Gemahlin unseres Mondes, war ich mir der Vergangenheit bewusst geworden.
Mithilfe von Aurelia, der Leiterin der Mondstätte von London, konnte ich einen Blick in die Zukunft werfen.
Ich selbst sah in die Köpfe aller Menschen der Gegenwart.
Mein Geist spann weiter seine Fäden, verdichtete sich zu einem Geflecht, wob einen Teppich, der mir ein klares Bild vermittelte.


Die Vergangenheit


Das leise Tapsen von nackten Kinderfüßen war schon zu hören, bevor man das kleine Bündel durch den Flur rauschen sehen konnte. Den kleinen Teddy fest an die Brust gedrückt, machte sich das Mädchen am Adventskalender zu schaffen. Ihre Mutter hatte den nächsten Tag bereits markiert, um ihrer Tochter die Freude daran zu lassen, den Kalender ganz allein zu öffnen.
Es dauerte noch ein paar Minuten, ehe das Mädchen den kleinen Schokoladenmond aus seiner Plastikform gelöst hatte. Andächtig schob sie ihn in den Mund, die Geschmacksknospen auf ihrer Zunge explodierten förmlich und sangen Weihnachtslieder. Denn das hier war für sie ein wichtiges Ritual zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Jedes Stück Schokolade führte sie näher an den großen Tag.
Das Mädchen versuchte sich daran, die noch geschlossenen Fensterchen zu zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sieben, zehn, achtzehn, hundert. Nein, das konnte nicht sein, dessen war sich das Mädchen sicher. Vielleicht sollte sie laut zählen?
»Eins, zwei, drei, vier, fünf«, begann es, den kleinen Finger von einem zum nächsten Fensterchen rückend.
»Sechs, sieben, acht«, wurde das Mädchen von ihrer Mutter unterstützt, die hinzutrat, es von hinten umarmte und auf den linken Oberschenkel zog, während sie mit der rechten die Zählbewegung ihrer Tochter steuerte. »Acht Türchen und das Große hier. Siehst du?« Die Mutter deutete auf das um ein Vielfaches größere Türchen am 24. Dezember. Ehrfürchtig folgte der Blick der Kleinen dem Finger der Erwachsenen, während sie ihren Kopf an die mütterliche Brust schmiegte.
»So oft muss ich noch schlafen?«, fragte das Mädchen.
»Ja, mein Schatz. Aber sieh dir die vielen Türchen an, die du bereits geöffnet hast. Und mit jedem von ihnen bist du einen Schritt näher an Weihnachten gekommen.«
Das Mädchen in ihren Armen seufzte voller Vorfreude.
»Auf was freust du dich denn am meisten, Victoria? Die Geschenke oder ...«
Weiter kam die Mutter nicht, denn Victoria platzte dazwischen: »Auf den Weihnachtsbaum!«, rief sie ohne zu zögern. »Ich hoffe, die Engel machen den wieder so schön wie im letzten Jahr!«
Vor wenigen Tagen erst hatte die Mutter ihrer Tochter die Fotos des letzten Weihnachtsabends gezeigt, weil die Kleine sich nicht mehr richtig hatte erinnern können. Sofort war sie wieder beeindruckt von der Arbeit der »Engel«, die den Baum eigens für sie in ihren Lieblingsfarben Silber und Rot dekoriert hatten.

Vor Victorias innerem Auge glitt das Foto von ihr unter dem Weihnachtsbaum vorbei. Gleich darauf folgte die Erinnerung an das Weihnachtsglöckchen, ihrem Signal, dass die »Engel« mit den Vorbereitungen fertig waren. Der Duft der Gans im Backofen erfüllte die Luft, als sie zögernd die Tür zum Wohnzimmer öffnete und im ersten Moment wie geblendet war. Silbernes Lametta reflektierte das Licht von unzähligen kleinen Lämpchen, die die prachtvolle Nordmanntanne erstrahlen ließen. Große rote Weihnachtskugeln, manche davon mit glitzernden Sternen versehen, hingen in regelmäßigen Abständen rund um den Baum. Victorias Lieblinge, die silberfarbenen Kugeln, waren beinahe alle in ihrer Höhe weiter unten an der Tanne angebracht. Schnell eilte sie darauf zu und betrachtete ihr verzerrtes Spiegelbild in der glänzenden Oberfläche.
»Bist du bereit für deine Aufgabe?«, fragte ihr Vater in bedeutungsvollem Ton.
Victoria nickte eifrig und folgte jeder Bewegung ihres Papas, der ihr feierlich den Engel überreichte. Sie saugte jedes Detail in sich auf. Das schillernde Engelshaar, das lange weiße Kleid mit glitzernden Sternen und einem Mond darauf. Sanft strich sie über die weichen Flügel des Engels, die aus vielen kleinen Federn bestanden, als ihr Vater sie auf seine Arme nahm. Er hob sie immer weiter nach oben, immer weiter von sich weg, dass es ihr vorkam, als würde der Engel, den sie in der ausgestreckten Hand hielt, mit ihr fliegen. So weit nach oben, bis selbst sie, die kleinste der Familie, bis kurz unter die Zimmerdecke reichte und die Figur auf die Spitze des Weihnachtsbaumes setzen konnte. Andächtig platzierte sie den Engel dort, ehe ihr Vater sie wieder zu sich an die Brust zog.
Ihre Mutter gesellte sich an die Seite des Vaters, der ein paar Schritte nach hinten trat. Während sich die Drei in den Armen hielten, betrachteten sie ihr Werk. Für Victoria glich all das nach wie vor einem Wunder.

Die Erinnerung verblasste langsam, das erfüllende Gefühl blieb jedoch.
»Darf ich dann wieder den Engel auf den Baum setzen?« Die Kleine wand sich auf dem Schoß der Mutter und sah ihr fragend in die Augen.
»Selbstverständlich, mein Schatz«, antwortete die Mutter sanft, während sie ihrer Tochter zärtlich über die Wange strich. »Keiner macht das besser als du. Nicht einmal die normalen Engel. Deshalb überlassen sie diese Aufgabe jedes Jahr einem ganz besonderen Engel: dir.«
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Ich sah meine Mutter an und konnte mir die Tränen kaum verkneifen. Sofort verglich ich diese zwei Personen miteinander. Die jüngere Version von ihr, die mich geküsst und in den Armen gehalten hatte, und die Frau, die ich gerade dabei beobachtete, wie sie eifrig in der Küche herumwerkelte.
Sie war noch dieselbe, wenngleich auch mehrere Jahre dazwischen lagen und der Alterungsprozess selbst vor ihr nicht Halt gemacht hatte. Aber sie strahlte noch genau dieselbe Weihnachtsstimmung aus, die Liebe, die Hoffnung und die Vorfreude.
An ihr waren all die seltsamen Entwicklungen der anderen Menschen vorbei gegangen. Für sie war es wirklich eine besinnliche Zeit.
»Warum lächelst du?«, fragte sie mich, während sich Lachfältchen um ihre Mundwinkel bildeten.
»Du bist einfach fantastisch. Die beste Mama, die es gibt.« Das war nichts als die Wahrheit. Das spürte meine Mutter auch und ich sah, wie ihre Augen feucht wurden.
Ich überlegte, ob ich zu ihr gehen sollte, als die Szenerie um mich verschwand und mir ein weiteres Bild präsentierte.


Die Zukunft


Eine Frau zerrte ein Kind hinter sich durch die Gassen, wich Leuten aus und versuchte, sich schnellstmöglich durch die Menschenmassen zu schieben.
Der kleine Junge, vielleicht fünf Jahre alt, hielt seinen freien Arm vor sein Gesicht, um sich vor den Schlägen der vollgepackten Taschen und Tüten der anderen zu schützen. Seine Füße taten bereits weh, er wünschte sich nichts sehnlicher, als eine kurze Pause einzulegen. Doch seine Mutter eilte weiter.
»Komm doch endlich. Wir müssen noch die Geschenke für die Nachbarn besorgen.« Sie zerrte wieder an seinem Arm, schleifte ihn mittlerweile mehr, als dass er selbst ging. Er hatte keine Lust mehr. Hoffentlich würde sich der ganze Stress lohnen.

Stunden später standen die beiden vor ihrem Zuhause. Während die Erwachsene etliche Tüten aus dem Kofferraum holte, knabberte der Junge an den Plätzchen aus der Tüte, die ihm die Mutter am Ende der Shopping-Odyssee zur Belohnung gekauft hatte. Er betrachtete das Haus in all seiner grün-weiß-roten Pracht. Kilometerlange Lichterketten, leuchtende Engel, Elche und Weihnachtsmänner strahlten mit denen der Nachbarn um die Wette. Jedes Jahr kamen zahlreiche neue Figuren dazu.
Der kleine Junge hätte diese Lichterpracht vielleicht mehr genießen können, würden seine Eltern nicht immer darüber streiten. Sein Vater war der Meinung, dass »dieser ganze Mist« viel zu viel Strom verbrauchen würde. Seine Mutter erwiderte daraufhin immer, dass man ja mit den Nachbarn mithalten müsse. So ging das nun schon seit Wochen. Dem Jungen war das egal. Er fand die Lichter gut, aber unwichtig.
Wichtig waren nur die Geschenke, die heute unter dem Weihnachtsbaum liegen würden.
Mit vollbepackten Armen schloss die Mutter die Haustür auf. Der Duft von Tannen strömte den beiden entgegen. Künstlich, viel zu extrem. Ein weiterer Streitpunkt. Die Mutter hatte scheinbar den Duftverteiler falsch dosiert. Für den Jungen war dies jedoch der Duft von Weihnachten. Er kannte es nicht anders. Dennoch musste er jedes Mal die Nase rümpfen, bis er sich an den Geruch gewöhnt hatte.
»Wann gibt es die Geschenke?«, fragte er störrisch und zupfte am Mantel seiner Mutter.
»Heute Abend, wenn alle Gäste da sind. Zuerst wird gegessen, dann wird Bescherung gefeiert.«
Trotzig stampfte der Junge mit dem Fuß auf. »Ich will sie aber jetzt.«
»Jetzt müssen wir das Essen aus dem Gefrierschrank holen. Sonst ist es nicht bis heute Abend fertig.«
»Ich will nicht essen, ich will Geschenke«, jammerte der Kleine und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Na gut«, seufzte die Mutter resigniert. »Hier hast du schon eins davon. Den Rest gibt es aber erst später.« Sie reichte ihm ein dünnes Päckchen, das lieblos in der Dekorfolie einer großen Handelskette verpackt war, deren Name dem Jungen gerade nicht einfiel. Binnen Sekunden zerrupfte er das Papier und schälte einen Daten-Stick für seinen Player heraus. Ein kleines Bild von Peter Pan war darauf zu erkennen. Alles andere als zufrieden sah er seine Mutter an.
»Das ist alles?«
»Es ist nur das Geschenk für jetzt. Heute Abend kommt mehr. Willst du dir das Hörspiel anhören?«
Der Junge steckte den Stick in den dafür vorgesehenen Schlitz an der Musikanlage des Vaters. Die ersten Töne der Melodie seiner Lieblingsserie ertönten.
»So, jetzt kannst du den Baum schmücken.«
»Ich hab keine Lust.«
Genervt rief die Mutter nach dem Vater, der gerade vor dem Fernseher saß. »Kevin, dann musst du es wohl machen.«
»Ich habe den Baum bereits aufgestellt, fürs Dekorieren bist du zuständig«, brüllte dieser zurück.
Die beiden stritten noch eine Weile, was denn gerade wichtiger war, als den »doofen Baum« zu schmücken.
Letztendlich übernahm die Mutter die Aufgabe, weil man den Gästen ja keinen nackten Baum präsentieren konnte. Liebevoll war anders, das sah selbst der kleine Junge. Aber die verpackten Kisten darunter stimmten ihn milde.
Wenige Stunden später war es endlich so weit. Der Fernseher war aus, der Tisch mit kitschigen Elchen und Weihnachtsmannservietten geschmückt, die um die Gastgeschenke angeordnet waren. Die quadratischen Kästchen waren ein »Muss für ein gelungenes Weihnachtsfest«, zitierte die Mutter immer wieder die allgegenwärtigen Werbeslogans.
Der Junge saß bereits und wickelte sein Gastgeschenk aus, als die Verwandten eintrafen. Er begrüßte seine Großeltern mit einem kurzen »Hallo« und zog ein Auto aus der kleinen Schachtel in seinen Händen, aus dem verzerrt ein Musikstück erklang. Nebenbei wickelte er eine Schokoladenkugel nach der anderen aus, die eigentlich den Tisch hätten schmücken sollen.
Als sich endlich alle begrüßt und gesetzt hatten, war er bereits satt. Er wollte gerade aufstehen, als seine Großmutter ihn festhielt und mit strengen Augen anschaute: »Wo willst du denn hin, mein Junge?«
»Geschenke auspacken«, erwiderte dieser schnell und zerrte sich los.
»Nichts da. Erst wenn wir mit dem Essen fertig sind.«
»Ich bin fertig«, warf der Junge trotzig ein.
»Jacqueline, wie konntest du ihn so viele Süßigkeiten essen lassen?«, brüllte die Großmutter nun ihrer Schwiegertochter zu.
»Er hat keine ...« entgegnete die Mutter, die soeben die große Platte mit dem Weihnachtsessen aus der Küche trug und sofort die zahlreichen Metallpapierschnipsel der Schokoladenkugeln entdeckte.
»Wie konntest du nur! Du weißt doch genau, wie teuer dieses Essen war«, fuhr sie ihren Sohn an. Dieser zuckte lediglich mit den Schultern und rutschte nun endlich vom Stuhl.
Während die Erwachsenen sich anschließend dem Essen widmeten, musterte er die Geschenke, die die Großeltern, Tanten und Onkel mitgebracht hatten. Dann zählte er sie mit denen der Eltern zusammen. Elf. Zwei weniger als im letzten Jahr. Aber er wusste natürlich von seiner Mutter, dass der gewünschte iRem teurer war als der alte iPod der 3. New Generation, den er im letzten Jahr bekommen hatte. Damit konnte er leben.
Für ihn zog sich das Weihnachtsessen bis in die Unendlichkeit. Er war schon ganz aufgeregt, malte sich die besten Games für seinen iRem aus, die er bei seinen Freunden bereits testen konnte. Endlich erhoben sich die Erwachsenen vom Tisch und wechselten zum gemütlichen Teil des Abends, der Bescherung. Was bedeutete, dass sich alle außer Mama auf das Sofa quetschten und von dort aus das Verteilen der Geschenke dirigierten. Natürlich kamen die der Jüngsten zuerst. Da der Junge das einzige Kind in der Familie war, hatte er natürlich einen deutlichen Vorteil gegenüber Geschwisterkindern. Mehr Geschenke und alle sofort.
Ein Paket nach dem anderen wurde ihm überreicht. Er riss das Papier weg, ohne auf das jeweilige Logo der Handelskette zu achten. Puzzlespiele, mehrere weitere Sticks, analoge Spiele und sogar Kleidung fand er in ihnen. Enttäuscht warf er den Inhalt beiseite, sodass dieser beinahe in dem Berg Geschenkpapier wieder unterging.
Seine Mutter überreichte ihm nun das letzte Geschenk. Er setzte all seine Hoffnungen in die flache Schachtel, die er in seiner Hand hielt. Kurz schlossen sich seine Augen, er stellte sich den iRem in dem metallischen Blau vor, das er sich so sehr gewünscht hatte. Erwartungsvoll kostete er den Moment aus, bis er ihn sehen können würde. Seinen eigenen iRem. Mit einem lauten »Ratsch« entfernte er das letzte Stück Papier und ... erstarrte. Es war kein iRem. Es war ein Foto in einem gläsernen Bilderrahmen. Ein Foto von ihm und seinen Eltern. Wilde Gefühle überkamen ihn, Wut und Enttäuschung versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen, überrollten ihn wie eine Welle. Nahezu verzweifelt durchsuchte er den Papierberg hinter sich, das Foto seiner Familie befand sich noch in seiner linken Hand. Vielleicht hatte er den iRem übersehen?
Doch seine Sorge war vergebens. Sein größter Wunsch war nicht erfüllt worden.
Seine Emotionen kochten über und er schmetterte mit aller Kraft das Foto gegen die Wand. »Blödes Weihnachten!«, brüllte er.


Die Gegenwart


Seine Worte hallten noch nach, als sich in den Scherben des Bilderrahmens unsere Küche spiegelte, sich Realität mit Vision überschnitt. Mein Herz klopfte schneller. Was ich gesehen hatte, verschlug mir die Sprache. Die letzten Bilder des Weihnachtsfestes der Zukunft verloren sich in der Mondsichel, die vor mir auf dem Backblech lag. Tief in mir keimte eine Idee, schlug Wurzeln und manifestierte sich fest in meinen Gedanken.
»Bist du schon fertig?«, fragte mich meine Mutter, als ich eilig aus der Küche in den Flur rannte und mir meinen Mantel überwarf.
»Ja, der gesamte Teig ist verarbeitet. Wenn du jetzt neuen zubereitest, könnte ich dir nachher wieder helfen. Ich muss nur schnell zu Sina.«
»Hat sie angerufen? Ich habe das Klingeln gar nicht gehört.«
»Nein, sie hat mir eine Nachricht geschickt. Es gibt wohl wieder einmal Stress mit Mike.«
»Und das so kurz vor dem Fest der Liebe.« Mama grübelte kurz vor sich hin, ich hatte aber keine Zeit, genauer nachzusehen, warum. »Sieh zu, dass bis dahin alles wieder in Ordnung ist.«
Ich antwortete ihr nicht mehr und eilte aus dem Haus. Sina wohnte nur wenige Straßen weiter. Ich stampfte durch zahlreiche Pfützen und die letzten matschig-braunen Überreste des ersten Schnees, der vor ein paar Tagen für einen kurzen Moment wahren Weihnachtszauber versprüht hatte, jedoch zu schnell wieder weggetaut war.
Eilig überwand ich die Treppe zu Sinas Haus. Meine Hand bereits zum Klingeln erhoben, öffnete sich die Tür. Sina grinste mir entgegen und bat mich herein.
Während ich meine Schuhe auszog, erzählte ich ihr von meinen Gedanken, dieser schrecklichen Vision des zukünftigen Weihnachtsfestes.
»Du hast sowas von Recht. Meine Mutter könnte die Anführerin der Armee von Weihnachtszombies sein. Seit mindestens einem Monat backt sie jeden Tag, wöchentlich kommt neue Dekoration dazu. Ich habe nicht mal mehr Platz, meine Sachen abzustellen.« Sie deutete auf die Kommode im Flur, die von einer Idylle aus kleinen Häuschen mit Glitzerschnee und Kerzen belagert war.
»Dieser Deko-Wahn wird in den letzten Jahren immer schlimmer. Und immer künstlicher.« Sina schüttelte sich, als würde ihr etwas kalt den Rücken hinunterlaufen. Sie war seit ihrer Vereidigung noch naturverbundener als früher. In ihren Gedanken sah ich einen sehr minimalistischen, traditionellen Weihnachtsbaum mit ein paar Keksen und echten Kerzen an den Zweigen. Sie trauerte dieser Zeit ebenso hinterher wie ich. Also erzählte ich ihr von meiner Idee.



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