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Donnerstag, 18. Juli 2013

Interview - Auric und Jag aus "Ninragon"

Quelle: http://horus-w-odenthal.de/2.html


Es ist schon schwer, die lieben Autoren immer zu einem Interview zu kriegen. Manchmal kommen eben Termine und Verpflichtungen dazwischen und dann passt das nicht immer.
Um uns nicht vertrösten zu müssen, hat der Autor Horus W. Odenthal sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Er hat uns zwei seiner Charaktere vorbeigeschickt, nämlich den Protagonisten Auric und seinen Freund Jag. Gemeinsam mit unserer Christine haben sie es sich im Salon gemütlich gemacht und artig ein paar Fragen beantwortet. Schließlich sind die beiden nominiert für das beste deutsche Romandebüt!
Weitere Informationen zu ihrem Schöpfer Horus W.Odenthal, sowie zu seinen Büchern findet ihr auf seiner Internetseite.





1
Wenn Du Horus, Deinen Autor und geistigen Vater träfest, worüber würdest Du Dich am meisten beschweren? 

Auric: Jeder, der sein Leben betrachtet, ist natürlich versucht, Dinge zu sehen, die er gern ändern würde. Vielleicht die Umstände meiner Herkunft. Wäre ich nicht unter diesen dumpfen Wilden geboren worden, die nichts als ihre Feldzüge und Saufen im Kopf haben, dann hätte ich vielleicht dem Erbe meiner Mutter folgen und ein Gelehrter werden können.
Am Ende aber, wenn man auf seine Geschichte und sich selber schaut, ist alles unvermeidlich. Es hätte gar nicht anders kommen können. Würde ich wollen, dass mein Autor meine Geschichte verändert? Dann wäre ich auch selber ein anderer. Dann wäre ich nicht mehr ich selbst. Würde ich das wollen? Eine große Frage. Ich denke, Nein.
Wäre ich gerne in eine weniger gewalttätige Welt hineingeboren worden. Ja, natürlich.
Wiederum: Jede Welt ist so gewalttätig wie der Ort, an dem du dich gerade befindest.
Es gibt bestimmt viele Orte auf dieser Welt, die idyllisch sind und viele Leben, die wunderbar harmonisch und friedlich verlaufen.
Würde ich mich beschweren? Ja, mittendrin hätte ich mich öfters gerne beschwert. Und wie! Hätte ich von der Existenz meines Autors gewusst, hätte ich ihm mit Freuden die Gurgel durchgeschnitten. Aber am Ende? Worüber will ich mich beschweren? Es hätte nicht anders kommen können. Es wäre, als würde ich mir wünschen, nicht zu existieren.

Jag: Hey, Alter, hast du einen Schaden? Und wie ich mich beschweren würde! Ein paar Sachen hätten wirklich glatter laufen können. Du weiß, dass ich mich vor einem anständigen Gefecht wirklich nicht drücke. Was kann ich schon anderes als Randale machen. Aber hätte ein bisschen weniger nicht auch gereicht. Und was ist mit Ruhm und Ehre? Davon kann man nie genug haben. Und Weibern. Na okay, davon gab’s genug. Man nimmt, was man kriegen kann. Aber Ruhm und Zaster, davon wäre ein bisschen mehr schon schön gewesen. Und bitte, nicht gerade in eine solche Scheiße rein … Ein kleines überschaubares gegnerisches Heer, das man mit ein bisschen Mühe besiegen kann, tät’s auch schon. Bitte!
Und übrigens … Hast du mich gerade einen dumpfen Wilden genannt? Denk dran, Freund, du bist genauso ein Valgare wie ich.

2
Und gibt es auch was, wofür Du Dich bedanken willst?

Auric: Das, wofür ich mich zunächst beschweren wollte. Dass ich ich selber bin. Dass es mich gibt. Dass es immer eine Hoffnung gibt. Egal, wie schlimm es aussieht. Das ich da angekommen bin, wohin mich mein Weg geführt hat. Dass alles Sinn macht.

Jag: Okay. Es hätte schlimmer kommen können. Ich hätte irgend so ein Weichei sein können. Oder ich hätte einen Buckel haben können. Oder hässlich sein … Sag jetzt nichts, Schwarzer! Ich sehe dir doch an, dass du was sagen willst. Mädels stehen auf so ein bisschen Schurke und so ein bisschen hässlich. Ich hätte so eine dämliche Lackel-Frisur haben können, wie du damals, als wir uns getroffen haben. Das jetzt passt besser zu dir, Narben auf der Kopfhaut und alles. Ich sag doch: Die Mädels stehen auf so was.

3
Gibt es eine Szene, in der Du mit Horus gar nicht einverstanden warst?

Auric: Die kurze oder die lange Liste? Es gab so unendlich viele Momente, in denen ich dachte: Was soll das alles? Warum passier das mir? Was denn noch? Aber dann schaust du zu, dass du aus der Sache rauskommst und das Beste draus machst. Obwohl das manchmal wirklich hart war.
Es gab harte Momente, mit denen ich … „nicht einverstanden“ ist da ein zu schwaches Wort. Ich hätte rasen können. Und auch das ist noch zu schwach. Wer das Buch gelesen hat, weiß welche Stellen ich meine. Bei einer davon hat der Autor in einem Satz den Kern all des Grauens dieses einen Moments und all der Zeit herum und eigentlich auch des ganzen Themas zusammengefasst. So einfach er auch klingt. Ich bin damit ganz und gar nicht einverstanden. Dass so etwas geschieht. Ob mir oder irgendjemand anderem. Kann ich die Welt ändern? Möchte ich in einem Märchen mit Blumenwiesen und lauter verlogenem Zeug leben. Mit einem Grinsen, das mir aus dem Gesicht tropft, als wäre ich ständig auf Jinsai?

Jag: Na, es gibt da ein paar Szenen, da komme ich irgendwie rüber, als hätte ich …naja, eine weiche Ader. Aber wer mich kennt, weiß Bescheid. Ich rede nicht viel aber ich …

Auric: Ich finde, du redest ganz schön viel, wenn der Tag lang ist. Hättest du mal besser ein paar Sachen ausgesprochen, die dir in der Seele rumgehen.

Jag: Um auch so ein Weichei-Zeug zu quatschen. Lass stecken, Alter. … Ja, und diese Sache mit der Trinkerei. Das kommt irgendwie nicht richtig rüber. Ich möchte betonen, ich bin der letzte, der in ein Bier spuckt. Und ich trinke auch mal gern einen über den Durst. Aber ich habe kein Problem damit. Wer von mir dann eins vor die Kinnlade kriegt, der hat’s verdient. Klar?

4
Wie stehst Du zu all diesen Kämpfen, um die es in Ninragon geht?

Jag: Hey, ich bin Valgare. Ich habe nichts anderes gelernt. Klar ist das schlimm, das Blut und so, aber da musst du durch.

Auric: Geht es nicht bei all diesen … wie nannten Sie das? … Fantasy-Geschichten, Epic Fantasy, High Fantasy um Kämpfe?

5
Und wie zu den sehr expliziten Beschreibungen? 

Auric: Dadurch, dass man ein Schleifchen drum macht, wird es nicht besser. Soll es den Lesern gehen, wie den Valgaren in meiner Kindheit, denen mit glorifizierenden Geschichten weisgemacht wurde, dass Krieg und Gewalt etwas ganz Tolles ist?
Fragwürdige Heldenverehrung, das ist das Problem. Das habe ich in meiner Jugend und später auch zur Genüge erlebt. Die ganzen Jüngelchen, die mit solchen Geschichten ins Feld geschickt und für die Ziele anderer verheizt werden, hätte man denen gesagt, wie schlimm es ist, in einer Schlacht zu sein, jemanden töten zu müssen, dann hätte man vielleicht einige von denen nicht für falsche Ideale zur Schlachtbank führen können.

Jag: Nein, was Auric da sagt ist schon richtig. Die Frischlinge sollen wissen, wenn du jemanden umbringst, gibt das eine furchtbare Sauerei. Da gibt’s kein Drumrumreden.

6
Wen magst Du von Deinen Co-Protas am Liebsten?

Jag: Mich kann er eigentlich am wenigsten ausstehen. Ich bin Vraigasse; seine Leute haben gegen meine Leute gekämpft. (leise zur Seite:) Bevor du jetzt irgendetwas sagst, was sich… was sich ziemlich schwul anhören könnte.

Auric: Da gibt es einige. Viele, die mir auf meinem Weg begegnet sind, hatten etwas Liebenswertes.

Jag: Na, dann denk mal an Keiler Drei, und dann sag das nochmal. Und lass dir das Liebenswert auf der Zunge zergehen. Der alte Stinkstiefel?

Auric: Und warum hast du ihn die ganze Zeit mit dir rumgeschleppt. Ihr wart ja fast unzertrennlich.

Jag: Er hatte seine Vorzüge. Bei ein paar Sachen, war er echt ein As. Und immerhin, mit Keiler Drei neben dir, kannst du selber nur besser aussehen.

7
Gesetzt den Fall, wir könnten Dich aus Deinen Buchdeckeln befreien - In welchem anderen Buch würdest Du gerne mal auftreten?

Auric: In einem Buch meiner Welt? Etwas von Torarea. Bevorzugt die Spätwerke. Ich glaube, ich würde gerne in den „Idyllen“ vorkommen.
Aus eurer Welt? Vielleicht im „Mann ohne Eigenschaften“ von diesem Robert Musil.

Jag: Kenn ich nicht. Aber hast du von diesen Conan-Sachen gehört? Habe mir mal eine oder zwei vorlesen lassen. Nachts am Feuer. Der Kerl hat’s drauf. Hol dir, was du kriegen kannst. König und so. Mein Mann. Hat es gewaltig krachen lassen.
Und in meiner Welt? Keine Frage: Die alten Sagas. Thyrin Drachenvater und seine Paladine. Die alte Zeit, als er noch unter uns Valgaren war.

8
Als Leser beschleicht mich immer im letzten Drittel von einem guten Buch so ein mulmiges Gefühl und ich versuche, langsam zu lesen, damit es nicht vorbei ist. Wie fühlt sich das im Buch an? Erleichterung oder Torschlusspanik?

Auric: Du willst, dass es vorbei ist. Du willst da durch. In hellen Momenten siehst du den Funken Hoffnung, und du willst ihn haben. Dann gibt es Momente, wo du merkst, dass etwas ankommt, dass sich die Dinge zusammenfügen. Dass es Erlösung gibt. Das sind Momente wie Balsam. Du merkst, da ist ein tiefer, gewaltiger Ozean der dich trägt. Alles macht Sinn. Alles ist gut. Das siehst du aber erst am Ende.

Jag: Ja, Vorbeisein. Kann ich unterschreiben. Es ist gut, wenn du etwas fühlst. Aber dann willst du einfach nur durchs Feuer durch. Bring es zu Ende!

9
Wie viel Horus entdeckst Du in Dir? Und wie fühlt sich das an?
 
Jag: Ich meine, Dankbarkeit gegen seinen Schöpfer und so, schön und gut. Aber eigentlich würde ich mich nicht auf ein Bier mit dem Kerl zusammensetzen wollen. Was weiß das Weichei schon? Wäre besser, wenn er nicht so viel mit mir zu tun hätte.

Auric: In einem Punkt muss ich Jag Recht geben. Der Kerl hätte nicht den kleinsten Teil davon durchgestanden, und eigentlich weiß er nichts von dem, was da draußen wirklich vorgeht. Aber ansonsten fürchte ich, dass ich eine Menge von ihm habe. Wie hätte er mich sonst erfinden können?
Wie fühlt sich das an? Ist es nicht gut, wenn jemand deine Gedanken, deine Träume und deine Ängste kennt? Einer, dem du nicht in die Augen schauen musst. Der einfach da ist.

10
Wofür bewunderst Du deine Co-Protas und was kannst Du am Besten?

Jag: Klar, ich kann Randale machen. Aber Auric, unser Schwarzer hier, der hat den Plan. Keiler Drei hatten wir schon; der kann organisieren. Der beißt sich durch. Czand ist auch eine heiße Braut. Ich meine, sie hat jetzt nicht die lange, blonde, wallende Mähne und so. Aber sie ist eine toller Kerl und kann ein Fass aufmachen und weiß wo’s langgeht. Äh … nichts für ungut, Alter.

Auric: Ist schon okay. Ich würde es vielleicht anders ausdrücken, aber du hast schon Recht, was Czand betrifft. Wer wäre gerade ich, um dem zu widersprechen.
Und sonst?
Jag ist gut. Keine Angst, Jag, das wird jetzt keine peinliche Kumpelei. Aber wie durch durchgehst. Wie du da stehst. Manchmal wäre ich gerne wie du. Ohne Zweifel, ohne Reue.

Jag: Was weiß du denn schon, Skrimare? Dir binde ich auch nicht alles auf den Hals. Mach du nur deins. Ist schon gut, wie du’s machst.

Auric: Ansonsten hat jeder etwas, das ich bewundere. Darachel ist gebildet. Er ist mutig, wenn es darauf ankommt. Jeder hat seine guten Seiten.
 
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Wünscht Du Dir eine Ninragon-Fortsetzung?

Jag: Klar! Hast du einen am Hirn? Jeder wünscht sich, dass es weitergeht.

Auric: Ja, auch da muss ich Jag zustimmen. Das Beste kommt doch erst. Wenn du dir nicht den nächsten Tag wünschst, bist du tot. – Oder in einer Schlacht.
 
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Ich stell mir jetzt mal so vor, dass der Blick aus dem Buch hinaus genauso aussieht, wie der Blick ins Buch hinein. Wie würdest Du denn die Art wie Horus schreibt, rezensieren?

Jag: Ich habe mir mal was vorlesen lassen … Aber lass gut sein. Jeder, wie es ihm gefällt. Mein Kram ist dass nicht. Da würde ich lieber noch mehr von diesem Kerl hören, der diesen Conan geschrieben hat.

Auric: Die Antwort liegt, glaube ich, in der Frage: Der Blick aus dem Buch hinaus sieht genauso aus, wie der Blick ins Buch hinein. Die Art, wie es geschrieben wurde, gibt das wieder, was beschrieben wurde. Ich kenne das aus der idirischen Literatur. Der Stil ist an sich schon Beschreibung. Geht es um eine stilisierte Umgebung, und um Menschen, die in ihr leben, muss auch der Stil so sein. Geht es um schnelle, knappe Vorgänge, muss die Sprache das widerspiegeln. Außer du schreibst im Stil einer Chronik oder extrem aus der Perspektive des allwissenden Erzählers. Es passt. Und es passt, dass es Leute wie Jag gibt, die etwas anderes lesen wollen. Es passt auch, dass Leute Märchen lesen wollen, aber „Ninragon“ ist kein Märchen. Es ist das, was mir zugestoßen ist. Und ich bin ein wirklicher Mensch in einer wirklichen Welt. Da gibt es kein schlichtes Gut und Böse. Da gibt es Menschen mit all ihren Eigenschaften, guten wie bösen.

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Was macht von innen ein gutes Buch aus?

Auric: Das es wahr ist. Von außen ist es ein Buch, Seiten zwischen zwei Buchdeckeln. Etwas, das jemand sich ausgedacht hat. Und deshalb muss er dafür sorgen, dass es von innen stimmt, dass es Sinn macht, dass es versucht, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.

Jag: Es muss was passieren. Da müssen die Fetzen fliegen. Da muss es richtig abgehen. Ein Held, eine steile Braut. Am Schluss kriegt er sie. Warum soll ich sonst ein Buch lesen?

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Wenn ich mir überlege, wie Du gelangweilt in Amazonien sitzt und auf Kundschaft wartest, mit welchen Büchern würdest Du gerne zusammen abhängen? Und mit welchen auf keinen Fall?

Auric: Ach, ich würde mir vieles gerne ansehen. Einmal die Weltliteratur durch. Die klassischen Sachen. Keine Militärgeschichte mehr. Lyrik wäre gut. Ich würde gern die Lyrik eurer Welt kennen. Nicht dieses dünne Zeug, das wahrscheinlich Jag lesen würde. Nichts für ungut, Jag: Lies es und hab’ deinen Spaß daran.
Jag: Ein paar Krimis. Und Western. Dieser Elmore Leonard soll geiles Zeug geschriebene haben. Echt harte Kerle. Kein Drumrumreden.

Auric: Jag, du überraschst mich. Dann haben wir ja doch ein paar Bücher, die wir gerne lesen würden, gemeinsam. Und wenn ich so drüber nachdenke … Ich glaube, dass wir auch noch mehr finden würden, die uns beiden gefallen. Kennst du Richard Morgan?
Jag: Nee, lass gut sein, Alter. Ich bin nicht so der Mensch, der viele Bücher liest.
 
15
Und was möchtest Du nie mehr erleben?

Auric: Den ganzen Mist noch einmal.

Jag: Diese Sache, mit der Hure damals in Kymnaiocium, wo sie …

Auric: Jag. Das will keiner hören. Wirklich.


Wir bedanken uns sehr bei Auric und Jag für dieses wunderbare Interview und hoffen, bald mehr von ihnen zu hören.
Und Jag? Das nächste Mal bitte vor der Tür Stiefel abputzen!

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