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Dienstag, 23. Oktober 2012

Buch - "Herrin der Lüge" von Kai Meyer





Titel: Herrin der Lüge
Autor: Kai Meyer
Genre: Geschichtsroman/Abenteuerroman
Verlag: Bastei Lübbe
Seiten: 826
Preis: 9,95€





Klappentext:
5000 Mädchen unter Waffen – auf dem Weg in die Hölle
Sie brechen auf, weil sie einer Lüge vertrauen: Tausende Jungfrauen, bewaffnet als Armee, Opfer einer teuflischen Verschwörung. Durch ein verwüstetes Land, über ein Meer voller Gefahren, ziehen sie in ihr Verderben. Piraten, Sklavenhändler, Schergen der allmächtigen Kirche – sie alle wollen, dass keines der Mädchen sein Ziel erreicht. Nur eine steht zwischen ihnen und ihren gnadenlosen Feinden – Saga, die Herrin der Lüge.

„Kai Meyer – Deutschlands Aushängeschild für fantastische Abenteuerliteratur“ - Buchreport

Meine Meinung (mit einigen Spoilern behaftet):
Ich bin ein großer Kai Meyer-Fan und habe bereits zahlreiche seiner Geschichten mit Begeisterung verschlungen. In Anbetracht dessen und nach dem Lesen eines solchen Klappentextes dachte ich, dass ich mit „Herrin der Lüge“ nicht viel falsch machen kann. Obwohl mich der Umfang von mehr als 800 Seiten eher abgeschreckt hat, hab ich mich mit dem nach Spannung heischenden Klappentext selbst überzeugt: Piraten, Sklavenhändler, Verschwörungen, Schergen der Kirche, eine Jungfrauen-Armee, eine Herrin der Lügen – offenbar ausreichend Handlung selbst für ein so seitenreiches Buch. Außerdem umfassen andere Trilogien von Kai Meyer in ihrer Gesamtheit eine deutlich größere Zahl an Seiten.

Die Handlung beginnt in gewohnter Kai Meyer-Qualität: ein toller Anfangssatz, eine ansprechende Einleitung, die Lust auf mehr macht. Auch das erste Kapitel beginnt gleich mit einer vergleichsweise spannenden Szenen, doch gleich darauf beginnt mit jeder Seite die Spannung zu schwinden. Durch die ersten paar Hundert Seiten konnte ich mich noch recht flott hindurcharbeiten, irgendwann aber wurde es zu einer echten Kraftanstrengung und als ich das Buch endlich durch hatte, war ich heilfroh es endlich weglegen zu können.

Das hat verschiedene Gründe, allen voran der mehr als misslungene Klappentext. Bei dieser Zusammenfassung handelt es sich nicht nur um unglücklich gewählte Sätze, sondern beinahe schon um einen mutwilligen Täuschungsversuch. Bei „Herrin der Lüge“ von „fantastischer Abenteuerliteratur“ zu sprechen ist so schlicht und einfach nicht richtig. Wenn ich mit dem Wort „Abenteuerliteratur“ meine Probleme habe, da die Geschichte nicht gerade vor Abenteuerlichkeit und Spannung überschäumt, sondern eher was von einem historischen Roman hat, so ist zumindest der Ausdruck „fantastisch“ vollkommen verfehlt. Das Wort assoziiere ich persönlich mit tatsächlichen Elementen des Fantastischen und nicht damit, dass die Charaktere fantastische Erklärungen für natürliche Phänomene aufzählen. Wenn eine Persönlichkeitsstörung als Geist, Nebel aus der Ferne als Gespenster und Dinosaurierknochen als Drachenknochen bezeichnet werden, passt das sicherlich in die damalige Zeit, reicht jedoch noch lange nicht aus das Buch als „fantastisch“ zu bezeichnen. Und das waren tatsächlich schon die fantastischsten Elemente des Buches. Der erwähnte Jungfrauen-Kreuzzug hat zwar nie stattgefunden und ist reine Fiktion, ihn deshalb als „fantastisch“ zu bezeichnen, obwohl er in der damaligen Zeit so tatsächlich hätte stattfinden können, halte ich für nicht richtig.

Abgesehen davon wird auch der Plot auf dem Klappentext völlig falsch dargestellt: Die Mädchen sind nicht Opfer einer Verschwörung, sondern einer Einzeltäterin. Die Verschwörung bezieht sich auf den Kreuzzug davor. Sie kommen nicht durch ein verwüstetes Land, sondern fahren höchstens zu einem (und kommen da nicht mal an; von „durchqueren“ oder ähnlichem zu sprechen ist also unangebracht). Ebenso ist die größte Gefahr, die vom Meer ausgeht, der Hunger. Von einem „Meer voller Gefahren“ zu sprechen ist da – nett ausgedrückt – eine Übertreibung. Dass Saga als einzige zwischen den Mädchen und den bösen, bösen Feinden steht (die auf gerade einmal 200 der 800 Seiten Beachtung finden; sie hier also derart zu betonen ist wieder Mal verwirrend), Saga als Retterin also, das ist wohl die größte Lüge – Ha, Ironie angesichts des Buchtitels? Saga selbst belügt die Mädchen, sie ist die Herrin der Lüge wie (ausnahmsweise korrekt) gesagt wird. Sie als Heilsbringerin darzustellen ist das wohl falscheste, was man hätte tun können.

Des weiteren ereignen sich zwar die verschiedenen aufgezählten Sachen – Verschwörung, Piraten usw. - allerdings hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass ein Ereignis das nächste jagt. Vielmehr hat sich die Handlung träge dahin gezogen und man war froh über jede spannende Stelle, die sich alle 50-100 Seiten mal gezeigt hat. Wirkliches Mitfiebern kam nie auf. Wechselnde Perspektiven konnten am Anfang noch so etwas wie Vorankommen vorgaukeln, doch letztlich machte auch das die Geschichte nicht spannender; zumal ein Handlungsstrang (in meinen Augen sogar ein recht interessanter) erst nach einem Viertel der Geschichte einsetzt und auch nur bis drei Viertel der Geschichte beibehalten wird und sich dann unspektakulär einfach verliert. Sicherlich gab es mitreißende Stellen, diese waren für meinen Geschmack jedoch deutlich zu karg gestreut.

Auch die Charaktere waren meiner Meinung nach nicht besonders gut gewählt. Es gab unter ihnen durchaus interessante und solche, deren Schicksal Sympathie ausgelöst hat (Zinder, Karmesin, Tiessa), gerade die beiden Hauptpersonen (Saga, Faun) wirkten jedoch erschreckend blass und passiv. Bei Saga wird sogar gesagt, dass sie letztlich eigentlich gar keinen Antrieb hat der Handlung weiter zu folgen. Dennoch tut sie es, und das ist mehr als unbefriedigend. 

Der Schreibstil ist gewohnt gut, nur manchmal unnötig ausschweifend, manchmal unnötig träge. Angesichts der lahmen Handlung hätte ich, wäre der Fall da ein anderer gewesen, das Buch vermutlich auch nicht ausgelesen.

Fazit:
Wer eine fantastische, schnelle Geschichte sucht, dem rate ich heftig von diesem Buch ab. Wer hingegen eine Art historischen Roman sucht, wo jedoch nur das Setting und nicht die eigentliche Handlung auf Tatsachen beruht, einen Roman, der sich Zeit nimmt und nur gelegentlich Rasanz aufkommen lässt, jedoch auch von blutigen Beschreibungen nicht absieht, dem könnte „Herrin der Lüge“ gefallen. Ich habe durch den Klappentext jedenfalls etwas ganz anderes erwartet und finde, dass dies eines der schlechteren Werke von Kai Meyer ist. Dementsprechend, 2 von 5 Skulls.



Hier die Videorezension:


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